#JeSuisCharlie?! Darf Satire alles?!

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Ja, relativ schnell war ich als geschockter Demokrat, der ja schließlich einen der Grundpfeiler seiner Werte zu verteidigen hat, dabei #JeSuisCharlie zu rufen und zu schreiben! Und – damit man mich nicht falsch versteht – in der Abgrenzung zu den diabolischen Morden und als allgemeines Bekenntnis zur Meinungs- und Pressefreiheit stehe ich auch nach wie vor dazu!

Die Satirezeitschrift Charlie Hebdo ist (tragischerweise) zum Symbol für die Pressefreiheit und  für uns zu ‘unserem Märtyrer’ geworden – geradezu prädestiniert wegen ihrer Satire.

“Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten. […] Was darf die Satire? Alles.” (Kurt Tucholsky)[1]

Amen dazu! Trotzdem, nachdem ich mich mit den Karikaturen auseinander gesetzt habe, kann ich dieses Bekenntnis #JeSuisCharlie (Ich bin Charlie) nur noch eingeschränkt sagen!

Ja, ich bin Charlie (vor allem Heute), weil ich mich hundertprozentig zur Pressefreiheit und Demokratie bekenne und meine, dass selbige Grundpfeiler unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung darstellen!

Aber auch: Nein, ich bin nicht Charlie, weil ich auch an die Würde jedes Menschen glaube und ich auch die religiösen Gefühle des anderen achten will!

ACHTUNG – NICHT JUGENDFREI! Hast Du gewusst, dass das Satiremagazin Mohammed nackt (von hinten) dargestellt hat? Dass es Mohammed im Geschlechtsakt mit Tieren gezeigt hat? Ich glaube, man muss es aushalten, dass Mohammed an sich dargestellt wird und das ‘Bilderverbot’ eben nur für Muslime gilt und man es niemand anderem verbieten darf, ihn als Person darzustellen. Aber muss man ihn ‘so’ darstellen?

Ich bin Christ und die Bilder, in denen man meinen Glauben in den Dreck gezogen hat, finde ich auch verletzend! Hast Du gewusst – ich verschone Dich mit Bildnachweisen – das das Satiremagazin den Dreieinigen Gott in einem ‘Dreier’ bei der gegenseitigen analen Penetration dargestellt hat? Auch wurde Jesus am Kreuz eine Frau penetrierend dargestellt, Kardinäle die sich gegenseitig in den Hintern xxxxx usw.

– NEIN, ‘hier’ bin ich nicht Charlie und bei aller Sympathie und Parteinahme gegen Fundamentalismus, Hass und Mord müssen wir auch über diese Gratwanderung des guten Geschmacks und eben auch die Grenzen der Pressefreiheit und der Freiheit der Kunst sprechen! Endet die Freiheit nicht auch da, wo ich andere Freiheiten begrenze und darauf spucke? Hast Du gewusst, dass nach unserem Strafgesetzbuch Beschimpfungen von religiösen Bekenntnissen strafbar sind?

166 – Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen

(1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören.

Ein Richter muss selbstverständlich im Streitfall immer beide Rechte – die Freiheit der Presse[2] und Meinungsäußerung und die Freiheit der Kunst einerseits[3] mit dem Schutz vor Beschimpfungen andererseits – abwägen und entscheidet oft zu Gunsten der Pressefreiheit.

Auch müssen wir anerkennen, dass die Franzosen im Besonderen einen anderen Zugang zu diesen Themen haben: die Satire gehört viel mehr zu ihrem Selbstverständnis, als bei uns. Auch in puncto ‘Umgang mit Religion’ haben die Franzosen aus historischen Gründen einen ganz anderen – viel freieren Umgang – als wir. Vieles was in Frankreich möglich ist, wäre hier ein Skandal.

Was will ich sagen? Eigentlich nur, dass ich mich schwer damit tue hundertprozentig und uneingeschränkt #JeSuisCharlie zu rufen.

Ja, ich stehe hundertprozentig zur Pressefreiheit und Meinungsäußerung, grenze mich auch hundertprozentig  von jeglicher Gewalt und von Terror ab – nichts und niemand ist damit zu entschuldigen!

Nein, ich habe als Christ trotzdem ein Problem damit, andere zu verachten und erniedrigen zu wollen! Bei aller möglicher und berechtigter Kritik von extremistischen Auswüchsen des Andersgläubigen, es widerspricht meinem höchsten Gebot (meinen Nächten zu lieben) mich in dieser Art über den anderen auf seine Kosten lustig zu machen.

Dass dies schwierig (und maximal in der individuellen Abwägung von Rechten) in Gesetze zu gießen ist, weiß ich sehr wohl. Umso mehr braucht es eine gesellschaftliche Debatte auch über den guten Geschmack und die Grenzen der Satire, was meinst DU?


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[1] Kurt Tucholsky, “Was darf die Satire?”, Berliner Tageblatt, Nr. 36, 27. Januar 1919

[2] „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre. Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.“ GG. Art. 5

[3] GG Art. 5 Abs 3 (1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt. (2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre. (3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

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