„Sport ist Mord“

„Sport ist Mord“

Lesedauer ca. 4 Minuten

Das Zitat „Sport ist Mord“ stammt vom englischen Premierminister Winston Churchill. Seine laxe Einstellung zu Sport und Fitness brachte ihm hohen Blutdruck, einen Herzinfarkt sowie zwei Schlaganfälle ein. Trotzdem wurde er 91 Jahre alt. Alleine daran sehen wir, wie notwendig und auch relativ ein gesunder Lebensstil ist. Als Pastor bin ich oft ein klassischer Schreibtischtäter, wälze Bücher, tippe mir die Finger wund, bereite und führe Sitzungen, Teambesprechunge durch. Ich laufe oft von A nach B, aber bei B angekommen sitze ich wieder. Vor einigen Jahren (Männer tun das ja nicht so oft) habe ich mich gewogen. Ich war geschockt. Das Display kletterte auf über 90 Kilogramm. Kein Wunder, dass ich mich nach jedem Spaziergang oder dem Einkaufstüten tragen erst mal wieder – richtig(!) – hinsetzen musste. Auch das Toben und Fußballspielen mit meinen Kindern wurde zur echten Herausforderung. Gleichzeitig war (und ist) meine Frau total das Brett: sie sieht einfach Spitze aus und hat immer noch einen Traumkörper und ich fühlte mich manchmal neben ihr wie Schweinchen Dick. Nein, ich musste etwas ändern!

Ein peinlicher Anfang

Meine – im wahrsten Sinne des Wortes – Beweggründe waren also sowohl gesundheitlicher, als auch eitler Natur. Ein Mann ein Wort – ich meldete mich also im Fitnessstudio an und schaffte es mich regelmäßig dort hin zu schleppen. Am Anfang empfahl mir mein Trainer Cardio-Training und zeigte mir die Funktion vom Laufband und die Kontrolle der Pulsuhr. Keine zwei Minuten später piepte das Dinge wie verrückt und warnte, weil mein Puls über 190 hochschnellte. Für die Fitnesslegastheniker unter uns: ein maximaler Puls von ca. 140 Schlägen ist bei diesem Training das Ziel. Ich sollte doch besser Fahrradfahren, war die Ansage. Aber auch das ging nicht und so schickte man mich auf das Liegefahrrad in dem ersten Gang! Ganz ehrlich? Mir war das damals sehr peinlich, mit Ende zwanzig eine so schlechte Kondition aufzuweisen.

Doch es hat sich gelohnt. Heute schaffe ich (und mein Herz) zum Aufwärmen ohne Probleme zwanzig Minuten auf dem Laufband. Innerhalb weniger Monate habe ich riesige Fortschritte gemacht. Ich wiege wieder 75 Kilo, habe ein Körperfettanteil von unter 15 Prozent, einen Sixpack, einen – Zitat meiner Frau – „tollen Hintern“, kann meine Kinder wieder fertig machen und locker mit der Kiste Wasser nach dem Einkauf hantieren. Jeder, der sich mit Sport auskennt weiß, dass Training maximal 50 Prozent der körperlichen Resultate ausmacht, die anderen wichtigen Faktoren sind Ernährung und Stressreduzierung. Die Stressreduzierung ist für mich, meinem Berufsbild geschuldet, nach wie vor eine große Herausforderung, aber bei der Ernährung habe ich viel dazugelernt. Vor vier Jahren war ich im wahrsten Sinne des Wortes Allesfresser. Zur Entspannung gehörte abends die Tiefkühlpizza oder die Tüte Chips dazu. Mein Feierabendbier trank ich mit dem Sturzgebet „Hopfen und Malz, Gott erhalts“. Ungefrühstückt setzte ich mich an den Schreibtisch und trank literweise Kaffee.

Doch dann setze ein Umdenken bei mir ein. Anfangs war es der Schock über die Produktions- und Wirkungsketten mancher meiner Lebensmittel. Ich konnte und wollte den Kaffee, Schokolade, Orangen, Bananen usw. – geerntet von Kindersklaven – einfach nicht mehr genießen und legte mehr und mehr Wert auf faire Lebensmittel. Das beschäftigen mit der Ernährung beschränkte sich aber nicht auf den ethischen Aspekt, mehr und mehr kamen auch gesundheitliche Zusammenhänge und Wirkungsweisen dazu. Zuerst probierte ich – keine Angst jetzt kommt keine dogmatische Besseresser-Predigt – vegetarische Ernährung. Heute bin ich glücklicher und fitter Veganer.

Wir fressen uns zu Tode

Wenn ich auf mich vor fünf Jahren zurückblicke, dann war es höchste Eisenbahn sowohl bewegungs-, als auch ernährungstechnisch meinem Körper etwas Gutes zu tun. Ich bin froh, dies geändert zu haben, wobei vieles von dem was ich hier beschrieben habe ein Prozess der kleinen Schritte war, aber einen Berg besteigt man bekanntermaßen mit selbigen. Ich bin mittlerweile fest davon überzeugt, dass Gott uns einen Bewegungsapparat und keinen Schonungsapparat geschenkt hat. Der alte Satz ‚wer rastet der rostet‘ ist zu 100 Prozent richtig. 2020 soll einer Studie der Universität Cambridge zufolge nichtübertragbare Erkrankungen mit ernährungstechnischem Einfluss für unglaubliche 75 Prozent aller Todesfälle in der westlichen Welt verantwortlich sein – sprich: wir fressen uns zu Tode. Viele Berufe fordern uns körperlich kaum oder nur sehr einseitig körperlich heraus. Fehlstellungen und Berufskrankheiten sind die Folge. Wir schonen unseren Körper zu Grunde.

Der Apostel Paulus fordert uns Männer in 1Korinther 9, 24-27 mit folgenden Worten heraus: „Denkt daran, dass alle wie in einem Wettrennen laufen, aber nur einer den Siegespreis bekommt. Lauft so, dass ihr ihn gewinnt! Jeder Athlet übt strenge Selbstdisziplin […]. Ich kämpfe wie ein Boxer, aber nicht wie einer, der ins Leere schlägt. Mit der eisernen Disziplin eines Athleten bezwinge ich meinen Körper, damit er mir gehorcht. Sonst müsste ich befürchten, dass ich zwar anderen gepredigt habe, mich danach aber womöglich selbst disqualifiziere.“

Sport kann uns auch versklaven

Um hier keinen falschen Ehrgeiz zu produzieren: Es kommt immer auf das richtige Maß und auch die richtige Motivation an. Es gibt auch ein Zuviel. Mit der falschen Motivation werden wir schnell zu getriebenen und Sklaven einer ungesunden Sucht. Deshalb warnt Paulus seinen jungen Kollegen Timotheus wie folgt: „Denn sich nur in körperlicher Entbehrung zu üben nützt kaum etwas. Aber die Ausübung des Glaubens nützt in jeder Hinsicht.“ (1Timotheus 4,8). Damit hinterfragt er auch das gängige Männerideal, welches uns heute unter Druck setzt. Laut dem Fachmagazin „Psychologie Heute“ ist der Anteil der Männer, die mit ihrem Äußeren unglücklich waren zwischen den Jahren 1972-1997 von 15 auf 47 Prozent gestiegen. Männlichkeit wird in Filmen und Werbung oft mit Muskulatur gleichgesetzt. Kein Wunder, dass 44 Prozent der Männer sich im Sommer ungerne in Badehose zeigen. Was Frauen schon lange erleben, bekommen auch wir Männer zunehmend zu spüren: den Druck einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen. Sah man in den 1950er Jahren nur ca. drei Prozent der Männer in der Werbung knapp bekleidet, so waren es in den 1990 schon 35 Prozent. Diese Bilder setzen sich in unseren Köpfen fest. Und sie bescheren einer ganzen Industrie mit Körper,- Fitness,- und Gesundheitsprodukten traumhafte Umsätze. Macher Mann macht sich daher heute mehr Gedanken über sein Äußeres, als um seine Familie und sein Inneres. In diesem übertragenden Sinne kann Sport auch Mord sein: Es killt dein Selbstwertgefühl, deine Beziehungsfähigkeit und versklavt dich. Und dies ist dann eben nicht sexy, nicht männlich, sondern schlicht vorpubertär. Immer wieder hinterfrage ich mir hier selbstkritisch. Bist du ein getriebener oder Manns genug über dem Ideal zu stehen?

Es gilt ein gesundes Maß zu finden. Meine Antworte lautet: Werde nicht zum Sklaven des Sofas, aber auch nicht zum Sklaven der Industrie. Esse und bewege dich gesund, aber übertreibe es nicht.


Der Artikel ist auch in der Männerzeitschrift MOVO und dem Lebenslust-Magazin veröffentlicht worden.


Bewertung
[Stimmen: 6 Ergebnis: 5]

Vielleicht ist auch das was für Dich?

Was essen Veganer? Nur Salat?
Leser 144
Heute war ich im Fitnessstudio und bin mit meinen Trainern ins Gespräch über Ernährung gekommen, als ich mich dann als 'Veganer' outete war da wieder ...
Nicht Fressen & Saufen – das ignorierte Gebot?!
Leser 571
Das Bundesministerium schreibt auf ihrer Homepage: ... Zahlreiche Erkrankungen sind direkt oder indirekt mit der Ernährung verbunden. Allen voran...