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Was ist ein Pastor wert?

Lesedauer ca. 6 Minuten

Ja wir kennen alle die Bibelstelle „Die Ältesten, die der Gemeinde gut vorstehen, die halte man zweifacher Ehre wert, besonders, die sich mühen im Wort und in der Lehre.“ (LU; 1.Timotheus 5,17) Sprich, ein Pastor ist aller Ehre wert, ja sogar „zweifacher Ehre wert“ – darin sind wir uns sicher einig und die meisten Kirchengemeinde sicherlich auch sehr gut darin. Einen Pastor muss man eben ehren, nett zu ihm sein usw. schließlich arbeitet der sehr viel, teilt sein ganzes Herz, seine Zeit und Kraft mit der Gemeinde. Aber ist das die Antwort auf die Frage? Was ist ein Pastor wert?

Ich möchte zur Einordnung dieses Artikels sagen, dass ich mich sehr stark auf den mir vor allem bekannten Kontext der Freikirchen beziehe. Sicherlich sind meine exegetischen Überlegungen aber trotzdem allgemein gültig.

Wir müssen über gerechte Bezahlungen sprechen

Ich glaube viele meiner Kollegen, die unter den im Folgenden beschriebenen Umständen leiden, würden es kaum wagen, einen solchen Artikel wie diesen zu veröffentlichen. Gerade deswegen tut dieser Artikel, denke ich, not. Dieser Beitrag ist hier und da sicherlich überspitzt, aber das muss er, denke ich, wenn er eine Diskussion provozieren will.

Beispiel 1: Der Jugendpastor, der frisch vom theologischen Seminar kommt und jetzt voller Tatendrang zusammen mit seiner Frau in eine neue Stadt zieht, um seine erste Stelle anzutreten. Oft gibt es hier dann folgende Konstellation: Es gibt einen Hauptpastor der in der Regel voll bezahlt wird – schließlich trägt er ja auch die Gesamtverantwortung. Und dann kommt eben der junge ungeschliffene Diamant mit seiner Frau, der noch viel lernen muss und „nur“ für den jungen Teil der Gemeinde zuständig ist – ihm wird oft eine halbe Stelle angeboten.

Beispiel 2: Eine Kirchengemeinde wird neu gegründet, der Pastor, der dafür von der „Muttergemeinde“ berufen worden ist, macht sich mit seiner Familie ans Werk. Weil die neue Gemeinde sich wirtschaftlich noch nicht selber tragen kann und die Muttergemeinde das Projekt erst mal subventioniert, wird auch ihm „erst einmal“ nur eine halbe Stelle angeboten.

An beiden Beispielen ist erst einmal – so könnte man meinen –  an für sich nichts auszusetzten und beide Beispiele werden wohl zig mal landauf, landab zu finden sein. Aber bleiben wir einmal stehen und fragen uns, was dies für die Angestellten in der Praxis bedeutet und bedeuten kann.

Von einer halben Stelle kann niemand leben

Eine halbe Stelle entsprich ca. 1.200,- EUR (brutto). Als guter, vorbildlicher Pastor gibt der Kollege davon selbstverständlich seinen Zehnten – sprich er spendet 120,- EUR. Ihm und seiner Familie bleiben 1.080,- EUR. Davon kann wohl niemand eine Familie ernähren, das ist wohl jedem klar! Man kann jetzt einwenden, dass man sich ja selbstverständlich etwas dazu verdienen könne – theoretisch stimmt das … aber praktisch?! Mehrere fromme Faktoren erschweren dem Kollegen in der Praxis einen Zuverdienst:

  • Der Kollege bekommt nur 15-20 Stunden pro Woche bezahlt arbeitet aber in der Praxis 40 und mehr Stunden in der Woche für seine Gemeinde. Ja, nicht selten wird genau das auch von den Kollegen erwartet. Der Erwartungsdruck der Gemeinde ist oft stark.
  • Nicht selten liegt diese Erwartung auch bei den Kollegen selbst, die sich und der Gemeinde meinen beweisen zu müssen, wie aufopfernd man ist, dass einem Geld natürlich nicht wichtig ist usw.
  • Es fehlt dem Kollegen an sonstigen beruflichen Qualifikationen, um etwas auf dem säkularem Jobmarkt dazuzuverdienen. Ich kenne exzellente, brillante Pastoren, die mich gefragt haben, was sie denn sonst noch machen könnten, um etwas dazuzuverdienen. Z.T. hatten sie andere berufliche Qualifikationen, waren aber seit über 10 Jahren aus dem Beruf raus – sprich ihre berufliche Qualifikation ist nichts mehr wert. Ich kenne Kollegen, die daher anfingen, Taxi zu fahren, im Callcenter mit ihrem Gewissen haderten (weil sie Leuten Produkte andrehen mussten, von denen sie selber nicht überzeugt waren), in der Tankstelle Nachtdient am Schalter machten ….
  • Ja, aber die Frau könnte doch auch arbeiten?! Ja, theoretisch schon … aber oft endet auch diese Möglichkeit ab dem Zeitpunkt, wenn Kinder kommen. Denn Kinder in die Krippe stecken, Kita oder sonst welchen „links-grün versifften Einrichtungen“, wo unsere Kinder vom „Weltgeist“ infizierte werden könnten … so etwas macht eine Pastorenfrau doch nicht, die bleibt schön (so wie es der HERR will) zuhause Hausfrau und lebt ihre Berufung als Mutter.

Manchem mögen diese „frommen Faktoren“ irritieren, sowas gibt’s doch nicht… – doch so etwas gibt es und Gemeinden, die Kollegen unter diesen Umständen anstellen, müssen wenigstens über diese Dinge reden und sie aus dem Weg räumen, sonst – gerade bei jungen Kollegen – verletzten sie als Arbeitgeber ihre Fürsorgepflicht. Aber bitte nicht nur bei den jungen Kollegen! Ich kenne auch manche älteren Kollegen, die diese Fürsorge verdient hätten und in der Vergangenheit bei halber Bezahlung immer Vollzeit gearbeitet haben, dies aber nur möglich war, weil sie z.B. ihr Erbe oder andere Rücklagen komplett aufgebraucht haben Heute stehen sie mittellos da und haben darüber hinaus auch nichts für die Altersvorsorge zurückgelegt … alles für den Herrn eben – das verdient „Ehre“.


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Exegetische Überlegungen:

Ehren schließt vernünftig bezahlen mit ein

Wenn jemand (und ich behaupte dies passiert öfter, als wir es sehen wollen) für 1.080,- EUR im Monat 40 Stunden arbeitet, dann entspricht das einem Stundenlohn von rund 7,- EUR! Ab hier wird es nicht nur unmoralisch, sondern auch gesetzeswidrig (Stichwort: Mindestlohn).

Aber kommen wir zurück zu unserem Vers: „Die Ältesten, die der Gemeinde gut vorstehen, die halte man zweifacher Ehre wert, besonders, die sich mühen im Wort und in der Lehre.“ (LU; 1.Timotheus 5,17) Ja, was bedeutet das eigentlich?

Nun ich lasse die Katze gleich aus dem Sack und behaupte folgendes: Ehre bedeutet Bezahlung und nicht einfach nur nette, warme Gesten der umgangssprachlichen Ehrerbietung. Wie komme ich dazu? Ich muss, um dem Text gerecht zu werden und sorgfältig auszulegen und zu verstehen, etwas ausholen bis zu den 10 Geboten.

Ehren bedeutet Versorgen

In den 10 Geboten heißt es:  „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.“ (2Mo 20,12/ 5Mo 5,16) Auch hier findet sich das Wörtchen Ehre. Wir verstehen diesen Text falsch, wenn wir uns darunter vorstellen, dass er kleinen Kindern gilt, die ihren Eltern jetzt per Gesetzt gefälligst zu gehorchen haben. Der Text hat sicherlich eine gewisse Allgemeingültigkeit, aber richtet sich nach sorgfältiger Betrachtung im Kontext des Sinaibundes zunächst an erwachsene, mündige, im Leben stehende Männer. Diesen erwachsenen Männern wird gesagt, dass sie ihre Eltern ehren sollen. Was ist darunter zu verstehen? Nun, das, was für uns heute mehr oder weniger selbstverständlich ist: eine Altersversorgung! Ehren bedeutet Bezahlung, wirtschaftliche Versorgung. Die 10 Gebote schließen an dieser Stelle so etwas wie einen Renten-Generationenvertrag!

Das hier ein Versorgungs- und Generationenvertrag geschlossen wurde, wird auch an dem zweiten Teil „… auf dass du lange lebest…“ des Gebotes sichtbar. Sprich, wenn Du (Israel) Dich an dieses Gebot hältst, dann wird auch deine eigene Versorgung im Alter sichergestellt sein („denn den Vater ehren/versorgen, bringt den Kindern Ehre/Versorgung…“ Sir 3,11).

Ehren im Kontext unsere Bibelstelle

Zurück zu unserem Vers: Die Ältesten, die der Gemeinde gut vorstehen, die halte man zweifacher Ehre wert, besonders, die sich mühen im Wort und in der Lehre.“  Wieso habe ich für die Betrachtung soweit ausgeholt? Nun, weil es im Textzusammenhang um genau diesen Generationenvertrag von Älteren geht. In den Versen 2 – 16 geht es um die Versorgung von Witwen: Ehre die Witwen, die allein sind.“  – hier wird geregelt, wie die Gemeinde diese Menschen ehrt/versorgt. Es geht explizit um Geld und eine Art Bedürftigenkataster, die sogenannten „Witwenlisten“. Dieser Versorgungsauftrag an die Gemeinde fußt auf den 10 Geboten und wird hier auf verwitwete, alleinstehende Frauen ausgeweitet.

Und jetzt heißt es über die Pastoren, dass diese zweifacher Ehre/Versorgung wert seien! Dass hier materielle Versorgung gemeint ist, wird auch an den nächsten Versen deutlich: „Denn die Schrift sagt: ‘Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinde‘«; und: ‘Ein Arbeiter ist seines Lohnes wer‘«.“ (1.Timotheus 5,18).

Der letzte Teil, in dem das Wörtchen „Lohn“ vorkommt, bedarf, denke ich, keiner weiteren Erklärung – es geht um Geld! Aber ich möchte zum ersten Teil noch etwas sagen, denn auch hier wird auf ein alttestamentliches Gebot Bezug genommen. Es steht in 5 Mose 25,4. Was ist mit “Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden“ gemeint? Nun, dieses Gebot war eine Tierschutzbestimmung und beschreibt, dass auch Arbeitstiere Recht haben (übrigens wird dies auch in den 10 Geboten betont, so gelten die Sabbatbestimmungen auch für das Vieh). Ein Ochse, der den ganzen Tag in einer Mühle eingespannt war und immer im Kreis lief, um das Korn zu mahlen, durfte – auch wenn es das Mahlen hier und da unterbrach – von dem Korn, dass es mahlte, „naschen“. Es war verboten dem Ochsen das Maul zu verbinden, um dieses Naschen zu unterbinden. Das Arbeitstier hatte das Recht zu naschen und war arbeitsrechtlich davor geschützt, vom Arbeitgeber einen „Maulkorb“ zu bekommen. Auf dieses Gebot wird hier Bezug genommen und es wird auf einen Pastor übertragen!  Auch dieses „Arbeitstier“ hat Rechte und „Tierschutzbestimmungen“, man darf ihm nicht das Maul verbinden und ihm am Naschen hindern! Er muss nicht nur arbeiten, er darf auch naschen.

Zusammenfassung

Was ist ein Pastor wert? Das war unsere Eingangsfrage. In der Betrachtung alleine unserer Timotheusstelle können wir Folgendes festhalten:

  • Er ist die doppelte wirtschaftliche Versorgung wert von dem, was Du selber im Alter gerne zum Leben hättest.
  • Er hat Arbeitsrechte!
  • Eine Kirchengemeinde hat Fürsorgepflichten!

Ich habe es in diesem Artikel gar nicht gewagt, über solche Dinge wie „Abfindungen“ (kann mir einer eine Kirchengemeinde nennen, die ihrem Pastor eine angemessene und ihm rechtlich zustehende Abfindung bei einer Kündigung ausgezahlt hat?) zu sprechen, sondern mich eher auf exegetische Überlegungen beschränkt. Aber ich hoffe, dass alleine diese ausreichen, um hier und da eine sachliche und faire Diskussion zu dem Thema anzufachen, was die Kollegen so wert sind. Prekäre Anstellungsverhältnisse, sittenwidrige Arbeitsverträge und subtiler, geistlicher Druck und blöde Sprüche wie „alles für den Herrn!“ sollte es jedenfalls nicht geben!

Ich meine: unsere Pastoren wären mindestens das wert!

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