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Gott versucht nur soviel wir ertragen können. Bullshit?!

Lesedauer ca. 6 Minuten

Es gibt Verse in der Bibel, die haben es in sich! Dieser Text gehört definitiv dazu. Ich habe mich monatelang an diesem Text abgearbeitet – es war definitiv die schwierigste Exegese meines Lebens! Dabei ist dieser Text doch so schön! Oder doch nicht?

Bisher hat euch nur menschliche Versuchung getroffen. Aber Gott ist treu, der euch nicht versuchen lässt über eure Kraft, sondern macht, dass die Versuchung so ein Ende nimmt, dass ihr’s ertragen könnt. (LU17; 1.Korinther 10,13)

Ja, dieser Text ist wunderschön! Er macht Hoffnung, er macht Mut zum Überwinden schwieriger Situationen.

Auf der anderen Seite ist dieser Text wohl einer der Verse, deren man sich sehr gerne bedient, wenn man in der Seelsorge einen besonders schweren Fall hat und einem auch wirklich gar nichts mehr einfällt. In genau diesen Situationen kann der Text eine schallende, herzlose und lieblose Ohrfeige sein – nach dem Motto: „Wird schon wieder, hör auf zu jammern. In der Bibel steht, dass Du nur so viel zu tragen hast, wie Du auch tragen kannst. Also trag das auch.“

Ich frage mich ernsthaft: ist das so? Sagt uns das dieser Text? Ich habe selber schon sehr viele, sehr schwere Dinge erlebt.

  • So bin ich dem Tod bereits vier Mal von der Schippe gesprungen.
  • Ich bin fast ertrunken.
  • Ich habe gesundheitlich als Kind mit dem Leben gerungen, weil ich keine Luft bekam.
  • Ich habe mich als Kleinkind jede Nacht blutig gekratzt, weil der damalige Juckreiz mich sonst warnsinnig gemacht hätte.
  • Ich hatte so viele Allergien, dass ich ständig von einem anaphylaktischen Schock bedroht war.
  • Ich wurde am Herzen operiert.
  • Mir wunde der Brustkorb zertrümmert.
  • Ich hatte eine Stange im Herzen stecken.
  • Ich kenne finanzielle Ängste und Sorgen.
  • Ich habe Sorgen und Ängste um die Kinder.
  • Ich kenne absolute Hoffnungslosigkeit.
  • Ich hatte Schmerzen, die nur mit Morphium zu ertragen waren.
  • Ich kenne schlimmste Albträume
  • Ich weiß, was Todesangst ist.

Ja, und ich bin in diesen Zeiten am Glauben verzweifelt! Ich habe meinen Glauben an Gott zwar nie verloren, aber „der Ton wurde rauer“. Ähnlich wie in den Psalmen habe ich Gott sehr wütend angeklagt und gefragt, was das alles soll. Parallel dazu habe ich eigentlich immer Verantwortung getragen: ob als Papa, Pastor, Geschäftsführer oder in der Politik … Das war alles andere als leicht! Manchmal beschrieb ich es selbst als meine persönliche Hölle!

Wenn in solchen Situationen jemand zu mir kam und mich auf diesen Vers veriwies mit Worten wie: „Wird schon wieder, hör auf zu jammern. In der Bibel steht, dass Du nur so viel zu tragen hast wie Du auch tragen kannst. Also trag das auch.“ da bin ich dann innerlich fast explodiert! Dieser Text ist in solchen Situationen eine unglaubliche Unverschämtheit (zumindest stört und provoziert er: das kann die Bibel sehr gut).

 

Mobbing kann uns Lebensmüde machen

Hinterher ist man immer schlauer

Manchmal ist es gut, an Texten, an denen man nicht weiterkommt, nicht stehen zu bleiben und weiter zu lesen. Im neuen Testament schließt sich an den Ersten Korintherbrief bekanntlich der Zweite Korintherbrief an. Und hier staunen wir wirklich darüber, wie Paulus gleich am Anfang eines Briefes mit einem Geständnis überrascht! Es ist immerhin der Paulus, der seine Karriere für den neuen Glauben aufgegeben hat, der Verfolgung, Katastrophen und Folter kannte.

Denn wir wollen euch, Brüder und Schwestern, nicht verschweigen die Bedrängnis, die uns in der Provinz Asia widerfahren ist, da wir über die Maßen beschwert waren und über unsere Kraft, sodass wir auch am Leben verzagten; und wir dachten bei uns selbst, zum Tode verurteilt zu sein. Das geschah aber, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt, der uns aus solcher Todesnot errettet hat und erretten wird. Auf ihn hoffen wir, er werde uns auch hinfort erretten. Dazu helft auch ihr durch eure Fürbitte für uns, damit von vielen auf vielfältige Weise um unsertwillen Dank dargebracht werde für die Gabe, die uns gegeben ist. (LU17; 2.Korinther 1,8-11)

Diese sehr persönliche Lebenskrise, diesen absoluten, persönlichen Tiefpunkt wollte Paulus der Gemeinde in Korinth nicht verschweigen. Die Züricher Bibel übersetzt:

So schwer und unsere Kräfte weit übersteigend ist die Last, die uns auferlegt wurde, dass wir sogar am Leben verzweifelten.

In der Einheitsübersetzung heißt es:

… unsere Kraft war so sehr erschöpft, dass wir am Leben verzweifelten.

Die neue Evangelische Übersetzung schreibt:

Was uns dort passierte, war so übermächtig, so unerträglich schwer, dass wir sogar unser Leben verloren gaben. Tatsächlich fühlten wir uns schon dem Tod geweiht.

Freunde, Paulus war fertig! Er konnte und wollte nicht mehr leben. Das, was ihm hier wiederfuhr, war zu viel, es war – bleiben wir mal bei den Worten von Paulus – weit über seine Kraft! Wie passt also „Aber Gott ist treu, der euch nicht versuchen lässt über eure Kraft…“ und „..so schwer und unsere Kräfte weit übersteigend…“ zusammen?

Wer sind eigentlich die Adressaten der Verheißung?

Nun, ich glaube, ich habe hier nicht die allein glückseligmachendeSupererkenntnis, aber eine grundlegende Frage, die uns vielleicht ein wenig klarer in dieser Sache sehen lässt, habe ich schon. Meine Frage ist: An wen ist dieser Text eigentlich geschrieben? Dürfen wir ihn als persönliches Versprechen lesen oder ist es nicht viel mehr ein kollektives? Aber der Reihe nach: An wen ist unsere Verheißung geschrieben?

… an die Gemeinde Gottes in Korinth, […] samt allen, die den Namen unsres Herrn Jesus Christus anrufen an jedem Ort, bei ihnen und bei uns […]. (LU17; 1.Korinther 1,2)

Was auffällt und eigentlich auch klar ist, schließlich ist dieser Brief an eine Kirchengemeinde geschrieben, ist, dass der Brief sich nicht an eine einzelne Person, sondern an eine Personengruppe richtet: die Gemeinde! Genauso wird unser Text ja auch verwendet: Aber Gott ist treu, der euch nicht versuchen lässt über eure Kraft

Mit euch und eure Kraft ist nicht zwingend Deine und meine Kraft gemeint, sondern die der Gemeinde. Wenn wir diesen Text als Verheißung für die Gemeinde und nicht exklusiv für den einzelnen Gläubigen verstehen, dann lösen sich viele Spannungen auf!

Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. (LU17; Matthäus 16,18)

Die Juden haben oft sehr kollektiv gedacht und ihren Glauben verstanden (Vater UNSER…). Nichts und niemand wird die Gemeinde überwinden! Aber möglicherweise wird das Leben hier und da sehr wohl etwas zu bieten haben, das die Kräfte eines einzelnen so übersteigen, das er wie Paulus sogar am Leben verzweifelt!

Wer meint, er stehe, soll zusehen, dass er nicht falle.

Vielleicht ärgert Dich dieser Gedanke und Du wärst gerne weiter in einer „fromme-Heilen-Welt-Blase“, in der solche schlimmen Dinge eben nicht passieren und der Glaube an Gott Dir und mir solche Dinge erspart. Aber so ist es nicht! Und je früher Du das akzeptierst, desto eher kannst Du daran etwas ändern!

Zum Schluss möchte ich unseren Text noch einmal im Zusammenhang lesen, denn auch hier ist eigentlich keine Spur von einer „Heilen-Welt-Blase“! Im Gegenteil:

Lasst uns auch nicht Christus versuchen, wie etliche von ihnen taten und wurden von den Schlangen umgebracht. Murrt auch nicht, wie etliche von ihnen murrten und wurden umgebracht durch den Verderber. Dies widerfuhr ihnen als ein Vorbild. Es ist aber geschrieben uns zur Warnung, auf die das Ende der Zeiten gekommen ist. Darum, wer meint, er stehe, soll zusehen, dass er nicht falle. Bisher hat euch nur menschliche Versuchung getroffen. Aber Gott ist treu, der euch nicht versuchen lässt über eure Kraft, sondern macht, dass die Versuchung so ein Ende nimmt, dass ihr’s ertragen könnt. (LU17; 1.Korinther 10,9-13)

Das Leben  – auch als Christ – ist eben kein Ponyhof und es gibt durchaus übermenschliche Versuchungen, Dinge, die unsere Kräfte, unsere Hoffnung und unseren Überlebenswillen bei Weitem übersteigen. Ich bin dankbar, dass Paulus uns in seinem Zweiten Korintherbrief diese Dinge nicht verschwiegen hat!

 

Das Leben kann unerträglich sein.

Schließen möchte ich meine Gedanken aber mit einem kleinen Lichtblick. Ist die „Heile-Welt-Blase“ nämlich einmal geplatzt, dann kann es nun an echte Hilfe für Betroffene gehen. Paulus empfand in seinem absoluten Tiefpunkt dies als große Hilfe:

Dazu helft auch ihr durch eure Fürbitte für uns, damit von vielen auf vielfältige Weise um unsertwillen Dank dargebracht werde für die Gabe, die uns gegeben ist. (LU17; 2.Korinther 1,11)

Wenn wir es akzeptieren, dass Menschen – auch als Christen – an das Ende ihrer Hoffnung und Kräfte kommen können, dann verändert das unser Beten! Es geht weg von einer Aneinanderreihung von frommen Phrasen, hin zu echter Führbitte und ganz praktischer Hilfe, zu einem gegenseitigem Lastentragen und Zusammenhalten – das wünsche ich Dir und Deiner Gemeinde.

 

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