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Der barmherzige Samariter – eine moderne Übertragung

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Jesus erzählte einmal eine ziemlich krasse Geschichte, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25-37). Dieses Gleichnis war für die Ohren damals auf mehreren Ebenen – die uns heute nicht direkt verständlich sind – eine absolute Provokation! Wirkungsvolle Geschichten brauchen mindestens ein provozierendes Element, diese Geschichte hatte gleich mehrere. Damit wir uns einmal neu auf den Kern das Gleichnis einlassen können will ich etwas Gewagtes wagen: ich übertrage das Gleichnis ins heute!

Kommt ein Koranstundent zu Isa Ibn Maryam

Eines Tages hatte ein Gelehrter der Azhar-Universität die Gelegenheit, dem Propheten Isa Ibn Maryam eine Frage zu stellen: „Gesalbter Isa, wer ist mein Nächster?“ Der Sohn Maryams antwortete dem Gelehrten mit einem Gleichnis:

„Einer Deiner Brüder aus Niger floh vor der Armut und Hunger, verkaufte alles was er noch besaß und versuchte mit anderen aus seinem Dorf nach einem beschwerlichen, langen Fußweg durch die Wüste über das Mittelmeer nach Europa zu fliehen. 

Sein viel zu kleines Boot sank, er war einer der wenigen mit einer Schwimmweste und schrie zu Gott. Da kam die libysche Küstenwache. Der Kapitän – ein frommer Mann, der immer seinen ʿUschr bezahlte – beobachtete alles mit seinem Fernglas, tat aber nichts und fuhr weiter.

Wenig später kam ein Angehöriger des saudi-arabischen Könighauses mit seiner Jacht vorbei. Der Prinz verrichtete gerade das Morgengebet, als ihm jemand die Sichtung eines wahrscheinlich Toten meldete. Der fromme Mann schaute auf sein Deck aus Edelholz, dann blickte er wieder zum Himmel und betete für die Seele des Mannes und ignorierte ebenfalls die Szene.

Dann kam ein drittes Schiff vorbei. Es war keiner Deiner Brüder an Bord. Es wurde von einer Frau gefahren! Diese drehte sofort bei und befahl ihrer Crew den Mann zu holen. Einige Mitglieder der Crew trugen ein kleines, silbernes Kreuz um den Hals! Sie bargen den Mann, kühlten seine von der Sonne verbrannten Haut, gaben ihm zu trinken und fuhren schnellstmöglich einen sichereren Hafen an. Hier übergaben sie deinen Bruder dem Roten Kreuz.“

Der Prophet wendete sich dem Gelehrten zu und fragte ihn: „Wer war der Nächste Deines Bruders?“ Der Gelehrte überlegte kurz, zögerte und sagte dann: „Die ungläubigen Kuffār!“

Wie die libysche Küstenwache mit Flüchtlingen umgeht.

Kommt ein Priesteranwärter zu Jesus

Eines Tages kam ein Priesteranwärter eines altehrwürdigen Ordens zu Jesus und fragte ihn: „Messias, wer ist mein Nächster?“ Christus blickte ihn an und erzählte ihm folgende Geschichte:

„Ein Bruder aus Bayern, ein sehr wohlhabender Mann, segelt mit seinem Segelschiff um Afrika herum. Das Ziel seines Segeltrips ist Indien. An der Küste Somalias gerät er unter die Räuber und geht mit einem Rettungsring über Bord.

Er treibt weit ab. Ein amerikanisches Kriegsschiff fährt vorbei. Dem Kapitän, ein tief gläubiger Mann, wird die Meldung einer Sichtung gemacht. Der Kapitän hatte seine Befehle und befand sich auf einer geheimen, wichtigen Mission und, da er annahm, dass dieser Mann schon lange tot war, ignorierte erdie Sichtung.

Da kam ein zweites Schiff vorbei. Es war ein Luxusdampfer. Viele Passagiere sahen den Schiffsbrüchigen in seinem Rettungsring regungslos vorbei treiben. Manche Passagiere wendeten sich angewidert ab, andere teilten das Bild des Mannes in ihrem Facebookstatus mit einem weinenden Emoji. 

Da kam ein kleines, ärmliches Fischerboot vorbei. Der Fischer schrie „Erbarme Dich, Allah!“ Er fischte den regungslosen Körper aus dem Wasser, kühlte seine von der Sonne verbrannte Haut, gab ihm zu trinken und fuhrschnellst möglich einen sichereren Hafen an. Hier übergab er deinen Bruder dem Roten Halbmond.“

Jesus wendete sich dem Priesteranwärter zu und fragte ihm: „Wer war der Nächste Deines Bruders?“ Der Gelehrte überlegte kurz, zögerte und sagte dann: „Der Muselmann!“

Eine gewagte Übertragung?

Du findest die Übertragung zu gewagt? Zur Erinnerung: In dem Gleichnis aus der Bibel vom barherzigen Samariter erhält ein Schwerverletzter, den zunächst ein jüdischer Priester und ein Levit achtlos liegen ließen, Hilfe von einem Samaritaner. Der Samaritaner versorgte die Wunden des Verletzten, brachte ihn in eine Herberge und bezahlte für seine weitere Pflege. Damals galten den Juden die Samaritaner als fehlgeleitete Abtrünnige, welche geringgeschätzt wurden.

Aber Du hast recht! Meine beiden Übertragungen bleiben ein Vergleich von Äpfeln und Birnen! Mein armer Fischer nämlich würde wahrscheinlich fürstlich von dem bayerischenGeschäftsmann aus Dankbarkeit unterstützt werden. Die tapfere Kapitänin im Mittelmeer würde hingegen für ihre Rettung (zumindest kurzfristig) in einem italienischen Gefängnis landen! 

Wer ist also Dein Nächster?

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