Der Umgang mit anderen Religionen.

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Unsere Gesellschaft ist Gott sei Dank pluralistisch! Was mancher Fromme als ‚Stachel im Fleisch‘ oder ‚Sodom & Gomorra‘ empfindet, ist für mich ein Grund zum Danke sagen: Eine Welt in der jeder die Freiheit hat an das zu glauben und das zu leben woran er glaubt. Die spannende Frage bleibt aber wie wir uns als Christen in so einer solchen Umwelt mit dem anderen ‚religiösem Mitbewerber‘ verhalten sollen. Von ‚Äxsten im Wald‘ bis ‚Segeln im Zeitgeist‘ gibt es – meine ich – alles in unsere Reihen – hier mein Plädoyer wie wir mit den Religionen und Glaubensüberzeugung des anderen umgehen sollten.

Die Spannung erkennen und annehmen

Wir Christen haben eine absolute Wahrheit, zB: Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater als durch ihn.[1] – und das ist für mich auch 100%ige Grundlage! Nun gibt es aber in unserer Prägung eine – ich weiß gar nicht wie ich es ausdrücken soll – sklavische Prinzipien.- und Bekenntnistreue, die alle anderen Aufträge Christi unter dem Tisch fallen lässt… Immer wieder begegnen mir Menschen die meinen dem anderen „die Wahrheit“ sagen zu müssen, koste es was es wolle! Ich meine aber Wahrheit ohne Liebe ist Körperverletzung! Ein Beispiel:

Da sagt der Vater zu seiner Tochter, dass sie nicht geplant gewesen sei und ein Betriebsunfall war und zu dem denkbar schlechtesten Moment geboren gewesen sei und er wegen ihr einen Karieresprung nicht nehmen konnte – das kann 100% die Wahrheit gewesen sein, aber ohne Liebe ist es trotzdem Körperverletzung – verstehst Du? Wahrheit und Liebe müssen Hand in Hand gehen, der Ton macht die Musik.[2]

Was ich damit ausdrücken will wird hoffentlich gleich etwas deutlicher:

Spannungen einer pluralistischen Gesellschaft aushalten[3]

Es mag uns als Christen selbst nicht passen, aber…

„Frieden wird in einer pluralistischen Gesellschaft wichtiger angesehen als Wahrheit.“ (Christina Brudereck)

Das will ich kurz erklären und vertiefen, weil ich denke, dass das eines der wichtigsten Erkenntnisse ist, die jemand verinnerlichen muss, wenn er öffentlich in der pluralistischen Gesellschaft, gesellschaftlich Relevant agieren möchte.

Unsere Gesellschaft teilt unseren absoluten Wahrheitsanspruch nicht zwingend, im Gegenteil, sie stellt ihm viele konkurrierende Wahrheiten gegenüber. Ein Merkmal einer pluralistischen Gesellschaft sind mehrere Wahrheiten oder eben keine absoluten Wahrheiten.

Christen die sich jetzt in selbiger bewegen und agieren brauchen ihren persönlichen Wahrheitsanspruch nicht aufgeben, kommen aber in Teufelsküche, wenn sie ihn öffentlich zB. andren Religionen um die Ohren hauen. Das mögen wir bedauern und blöd finden, ist aber so und damit müssen wir umgehen lernen. Im Umgang mit dem Nächsten einer anderer Konfession (oder gar keiner Konfession) gibt uns aber bereits Jesus eine gute Orientierungshilfe:

Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten. (LU; Mt7,129)

Ein kleines Beispiel aus meinem Alltag: Sonntags nach dem Gottesdienst kommt ein Gast auf mich zu (er selber hatten den Gottesdienst NICHT besucht, sondern war nur im Anschluss ‚vorbeigekommen‘) und sagt zu mir:

Die Bibel ist verfälscht, wer das anzweifelt ist ein Idiot und Jesus – das ist wissenschaftlich belegt – ist der Sohn einer Hure und hat auch später eine geheiratet, wer was anderes glaubt ist ein dogmatischer Kleingeist.

– so will ich nicht behandelt werden, ich fand das frech! Das war der falsche Ort, die falsche Zeit, die falsche Art und Weise, der falsche Ton, keine Frage, sondern ne Ansage…

Aber soll ich Dir was sagen, ich soll auch genauso mit dem anderen umgehen wie ich es mir wünsche und zB. nicht in den nächsten buddhistischen Tempel, der Moschee oder Synagoge rein stürmen und da alle mit diffusen Anschuldigungen und Halbwissen beschimpfen und im Anschluss noch einen schönen Tag wünschen und mir dann auch noch selbstgerecht auf die Schulter klopfen und sagen ’na da hab ich dem Evangelium heute aber wieder gut gedient und die Wahrheit verbreitet‚!

Schlau wie die Schlange

Jesus war ja nicht blöd. Er wusste was sein Wahrheitsanspruch in dieser Welt anrichten würde,[4] aber er gab uns ein gutes Prinzip mit auf den Weg:

Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben. (NL; Mt10,16)

Wir sollen und müssen unseren Wahrheitsanspruch nicht aufgeben, aber das entbindet uns trotzdem nicht davon unseren Nächsten zu lieben und auch Friedenstifter[5] zu sein. Jakobus spricht in diesem Zusammenhang – ähnlich wie Jesus bei der schlauen Schlange – von einer göttlichen Weisheit in der wir ohne falsch Frieden stiften sollen.[6] – genau darum müssen wir ringen!

Umgang mit anderen Religionen

Um diese ‚Weisheit‘, der ‚Liebe zum Nächsten und dem Frieden dienen‘ geht es mir. Ich meine wir können hier einige von Paulus lernen.

Paulus auf dem Areoparg

Während Paulus in Athen auf sie wartete, war er erschüttert über die vielen Götzen, die er überall in der Stadt sah. Er ging in die Synagoge, um mit den Juden und den gottesfürchtigen Nichtjuden zu reden, und sprach außerdem täglich auf dem Marktplatz zu allen, die sich gerade dort aufhielten. Auch mit einigen Philosophen – Epikureern und Stoikern – kam er ins Gespräch. Als er ihnen von Jesus und von der Auferstehung erzählte, meinten einige von ihnen: »Was für seltsame Ideen hat dieser Schwätzer.« Andere sagten: »Er verbreitet irgendeine fremde Religion.« Dann führten sie ihn vor den Rat der Philosophen. »Komm und erzähle uns mehr von dieser neuen Religion«, sagten sie. »Du sprichst von vielem, wovon wir noch nie gehört haben, und wir wollen wissen, was es damit auf sich hat.« Die Athener und auch die Fremden, die sich in Athen aufhielten, verbrachten ihre Zeit vor allem damit, die neuesten Ideen zu hören und darüber zu reden. Als Paulus nun vor dem Rat stand, rief er: »Männer von Athen, ich habe bemerkt, dass ihr den Göttern besonders zugewandt seid, denn als ich umherging, sah ich eure vielen Altäre. Einer davon trug die Inschrift: `Dem unbekannten Gott´. Ihr habt ihn angebetet, ohne zu wissen, wer er ist, und nun möchte ich euch von ihm erzählen. (NL; Apg17,16-22)

Es folgt eine Kurzpredigt über Jesus, das verkünden der Wahrheit, aber darum geht es mir jetzt nicht, es geht mir um die Vorgeschichte und dann um die Verpackung der Wahrheit.

… Während Paulus in Athen auf sie wartete, war er erschüttert über die vielen Götzen, die er überall in der Stadt sah…

Andere Übersetzungen machen die Gefühlswelt von Paulus deutlicher ’sein Geist wurde zornig‘ über die vielen Götzen. Paulus war innerlich angewidert! Der römische Historiker Plinius schreibt uns aus dieser Zeit von etwa 3000 Götzen in Athen.

Paulus war erstens ‚angewidert‘ über die vielen Götzen und trotzdem beleidigt er keinen einzigen seiner Zuhörer! Er spricht auch nicht von Götzen, sondern Göttern, als er mit Ihnen ins Gespräch kam.

Zweitens: seine Zuhörer fragen: »Was für seltsame Ideen hat dieser Schwätzer.« Im Grundtext steht hier: »Was will den eigentlich dieser Körnerpiker sagen?« Der Ausdruck Körnerpiker war ein Spottwort, ein Vogel der sich hier und da mal ganz unsystematisch ein paar Körner pickt. Man meinte damit einen dummen Menschen, der keine Ahnung hat, hier und da was aufpickt und das dann als Wahrheit hinstellt. Körnerpiker – das war nicht nett! Das war eine richtige Beleidigung. Paulus war also innerlich angewidert über die Göttzen und persönlich angegriffen worden und reagiert wie? Mit viel Respekt und Augenmaß!

Als sie Paulus von der Auferstehung eines Menschen reden hörten, der tot gewesen war, lachten die einen, doch andere sagten:

»Wir würden gern später mehr darüber hören.« Damit verließ Paulus die Versammlung, doch einige schlossen sich ihm an und fanden zum Glauben. Unter ihnen waren Dionysius, ein Ratsmitglied, eine Frau mit Namen Damaris und andere mehr. (NL; Apg17,32-34)

… es hatte sich also gelohnt, die Wahrheit den Gegnern nicht um die Ohren ‚zu hauen‘, sondern in Liebe und Friedensstifter, mit der Weisheit Gottes zu dosieren.

Unfriede in Ephesus

Eine andere Geschichte von Paulus wo das mit dem Friedenstiften nicht richtig geklappt hatte:

Doch etwa um diese Zeit kam es in Ephesus zu heftigen Ausschreitungen über den neuen Glauben. Den Anstoß gab der Silberschmied Demetrius, der eine große Werkstatt für Silberstatuen der griechischen Göttin Artemis besaß und viele Kunsthandwerker beschäftigte. Er rief die Handwerker und einige andere, die diesem Gewerbe angehörten, zusammen und erklärte: »Männer, ihr wisst alle, dass unser Wohlstand auf diesem Geschäft beruht. Wie ihr gesehen und gehört habt, hat dieser Paulus vielen Leuten eingeredet, dass handgefertigte Götter gar keine Götter sind. Und das geschah nicht nur hier in Ephesus, sondern überall in der ganzen Provinz! Natürlich spreche ich hier nicht nur von dem Verlust an Ansehen für unser Geschäft. Ich befürchte auch, dass der Tempel der großen Göttin Artemis an Einfluss verlieren könnte und dass Artemis selbst – die herrliche Göttin, die überall in der Provinz Asien und in der ganzen Welt verehrt wird -, ihr Ansehen einbüßen könnte!« Bei diesen Worten gerieten die Leute in Zorn und fingen an zu schreien: »Groß ist die Artemis der Epheser!« Es kam zu einem Menschenauflauf, und bald war die ganze Stadt in Aufruhr. Sie rannten zum Amphitheater und ergriffen Gajus und Aristarch, die Reisebegleiter von Paulus aus Mazedonien. Paulus wollte auch hingehen, doch die Gläubigen ließen es nicht zu. Einige Provinzbeamte, die mit Paulus befreundet waren, schickten ihm eine Nachricht und baten ihn, nicht im Amphitheater zu erscheinen. Dort schrien alle durcheinander, der eine dies, der andere das. Es herrschte große Verwirrung. Ja, die meisten wussten nicht einmal, warum sie eigentlich dort waren. Einige Juden stießen Alexander nach vorn und forderten ihn auf, die Lage zu erklären. Er bat mit Gesten um Ruhe und setzte zu einer Verteidigungsrede an. Doch als die Menge merkte, dass er Jude war, brach das Geschrei erneut los, und diesmal dauerte es zwei Stunden: »Groß ist die Artemis der Epheser! Groß ist die Artemis der Epheser!« (NL; Apg19,23-34)

Hier lösste das Evangelium einen Konflikt aus – das ist möglich und leider manchmal auch nicht zu vermeiden, aber es ist mir wichtig hier auf das Herz der ersten Christen hinzuweisen: Paulus – was für ein Typ?! – wollte da noch freiwillig hin und das ganze klären, aber seine Freunde aus der Gemeinde und Politik ließen ihn nicht!

Es kommt dann am Ende doch noch zu einer Verteidigungsrede vom Stadtschreiber und schaut mal was er sagte:

Ihr habt diese Männer hergebracht, doch sie haben nichts aus dem Tempel gestohlen und nichts gegen unsere Göttin gesagt. (NL; Apg19,37)

Weiter führt der Stadtschreiber aus, … und wenn andere Beschwerden vorliegen, lassen sie sich in einer ordentlichen Versammlung klären… ansonsten ist die Sache hier erledigt und geklärt, geht nach Hause.

Die Christen haben unser Göttin nicht beleidigt, sie haben nichts im Tempel gestohlen oder zerstört… – so sollen wir (ohne unsere Wahrheit nicht aufzugeben) mit anderen Religionen und Andersdenkenden umgehen: mit Respekt, Achtung, Liebe und Weisheit!

Wenn wir diese Spannung – zwischen dogmatischen Wahrheitsvertretern und Friedensstiftern – annehmen, dann Freunde werden wir wirklich Gesellschaftsrelevant und fähig diese Welt zu rocken.


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[1] Joh 14,6

[2] Wenn ich die Gabe der Prophetie hätte und wüsste alle Geheimnisse und hätte jede Erkenntnis und wenn ich einen Glauben hätte, der Berge versetzen könnte, aber keine Liebe hätte, so wäre ich nichts. (NL; 1.Kor13,2)

[3] Siehe Anhang: „Pastor Latzel & der Zwang zur Häresie“ (Tobias Faix)

[4] Glaubt nicht, dass ich gekommen bin, um der Welt Frieden zu bringen! Nein, sondern das Schwert. Ich bin gekommen, um den Sohn gegen seinen Vater aufzubringen, die Tochter gegen ihre Mutter und die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter. Eure erbittertsten Feinde werdet ihr in der eigenen Familie finden. (NL; Mt10,34ff)

[5] Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. (Mt 5,9)

[6] Denn wo Eifersucht und selbstsüchtiger Ehrgeiz herrschen, führt das in die Zerstörung und bewirkt alle möglichen schlechten Taten. Aber die Weisheit, die von Gott kommt, ist vor allem rein. Sie sucht den Frieden, ist freundlich und bereit, nachzugeben. Sie zeichnet sich durch Barmherzigkeit und gute Taten aus. Sie ist unparteiisch und immer aufrichtig. Und wer Frieden stiftet, wird in Frieden säen und Gerechtigkeit ernten. (NL; Jak3,16-18)

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