Fromme Größenvergleich – große und kleine Gemeinden!

Lesedauer ca. 8 Minuten

Drei kleine Vorbemerkungen möchte ich machen.

1. Damit man mich nicht falsch versteht: ich habe nichts gegen große Gemeinden – sie haben meist ein große Ausstrahlungswirkung, können prima Ausbildungs.- und Zurüstungsorte und der gleichen mehr sein. Aber, auch wenn das wie eine Entschuldigung klingen mag: es kommt nicht nur auf die “Größe” an.

2. Ja, ich schreibe diesen Blogbeitrag auch ein wenig aus persönlichen Verletzungen heraus. Trotzdem glaube ich, dass ich es frei von Bitterkeit tun kann und stattdessen einfach meinen vielen Kollegen von “kleinen Gemeinden” Mut machen und ihnen aus der Seele sprechen, sowie alle zu einem Nachdenken und vieleicht sogar umdenken einladen möchte.

3. Meine Beobachtungen stützen sich nicht immer auf objektive Bewertungen (wie Statistiken aus Studien), sondern auch auf ganz individuelle Erfahrungen. Wenn ich von persönlichen Begegnungen schreibe, dann werde ich das ohne Namens.- und Ortsnennung tun. Es geht mir nicht darum einzelne Menschen “fertig” zu machen, es geht mir darum uns alle “fertig” zu machen und zwar für das Reich Gottes und einen fairen, wertschätzenden Umgang untereinander.

 

Kleine Gemeinde – große Probleme!

Mitarbeiter: Die Gemeinde der ich vorstehen darf hat ca. 50 Mitglieder. Wir haben keine eigenen Räume, sondern sind in öffentlichen Räumen eingemietet. Das bedeutet, dass wir jeden Sonntag (und bei allen anderen Veranstaltungen) alles auf.- und abbauen müssen (Stühle, Tische, Technik, Deko, Cafe usw.). Ich weiß nicht wie oft ich mich selbst beim Aufbau verhoben habe und meinen freien Montag verknackst im Bett verbringen musste – der Grund: Es gab zu wenig Helfer oder nur solche die selber krank, was mit dem Rücken, der Schulter usw. hatten und es an sehr wenigen oder eben nur mir hängen blieb. Im Anschluss werden die ersten Gottesdienstbesucher begrüßt, einige kurze Absprachen getroffen und ein hastiges Gebet in den Himmel geschickt, dann wird Musik gemacht (90% von mir angeleitet), dann kommt meine Predigt, im Anschluss 1-2 Gespräche und dann wieder der Abbau, bei dem ich nicht selten auch mit dabei war/bin.

Kindergottesdienst: Obwohl der eigentliche Gottesdienst vieleicht nur 1,5 Stunden geht, kommen mit auf.- und abbau, Gespräche usw. schnell 5 Stunden zusammen. Mittlerweile haben meine Frau und ich 3 wundervolle Kinder, wenn meine Kinder am Sonntag mit dabei sind, dann helfen sie mir stolz beim Aufbau… Ja, richtig gelesen “wenn meine Kinder am Sonntag mit dabei sind” – sie sind es längst nicht jeden Sonntag! Der Grund: wir haben zu wenig Mitarbeiter beim Kindergottesdienst und längst nicht jeden Sonntag eine separate Kinderbetreuung. Das ist vor allem eine riesige Herausforderung für meine Frau, die die Kinder – und meine Kinder sind echt lebendig und wild – 5 Stunden lang im Zaun halten muss.

Ich liebe meine Kinder. Wir sprechen viel über den Glauben, beten zusammen mit den Kindern und wünschten ihnen auch in der Gemeinde eine optimale Versorgung und Wertschätzung: leider ist das oft nicht möglich!

Mein Gehalt ist immer umkämpft. Eine Situation die auch für uns als Ehepaar und Familie eine wirkliche Herausforderung ist. Meine Ältesten der Gemeinde (so nennen wir unser Gemeindeleitung) mussten mir schon oft sagen, dass mein Gehalt nur noch für drei Monate sicher wäre. Unzählige Male drehten wir als Familie jeden Cent um, rechneten hin und her, überlegten so und so um uns einen Plan B einfallen zu lassen, falls mein Gehalt weg fallen sollte. Auch der Gang zur Agentur für Arbeit, das Lesen von Stellenbeschreibungen usw. ist mir nicht unbekannt.

 

Große Gemeinden – kleine Probleme?

Drei Jahre war ich während meines Theologiestudiums in einer größeren Gemeinde (ca. 400 Mitglieder). Ich habe es geliebt! Es gab hier eine prima Jugendarbeit, optimale Kinderbetreuung, 2-3 Lobpreisbands die sich Sonntags abwechselten, ein Moderatoren.-, Gebets.- und Seelsorgeteam, Haushälterin, Sekretärin, Zivildienstleistende usw. Geld schien auch nicht das Problem zu sein, war etwas kaputt wurde sofort qualitativ hochwertiger Ersatz angeschafft. Die Ton.- und Lichttechnik war auf den neusten Stand usw. 1-2 Mal im Jahr gab es eine Mitarbeiterschulung oder auch einfach nur Party, die größer war, als der Gottesdienst den ich heute leite.

 

Zu wenig Mut, Vision und Glauben?

Probleme und existenzielle Herausforderungen? Waren mir als Stundet damals in der großen Gemeinde kaum bekannt. Was ist eine kleine Gemeinde gemessen an diesen Werten schon? Wir haben nur ca. 10-15 Mitarbeiter, große Gemeinden schnell über 100! Wir können kaum eine Stelle bezahlen, die locker 2-3 Vollzeit und 4-5 Teilzeitstellungen! et. … schnell kann einen solcher Größenvergleich verzweifeln lassen.

Als wir vor einigen Jahren in großen finanziellen Not waren fragte ich einige Leiter großer Gemeinden um Unterstützung an. Neben einigen guten Gesprächen, Ratschlägen und Gebetsangeboten, sagten mir andere, dass ich “den Laden” besser zumachen solle, “einen Versuch war es Wert, aber Segen scheint nicht drauf zu liegen”! Andere (und das hat mich innerlich tief verletzt) haben mir zudem angeboten bei ihnen in der Gemeinde anzufangen: “… bei uns ist Dein Gehalt sicher! Was Gott dann mit der Gemeinde tun wird ist nicht mein und dein Problem! Hier jedenfalls können wir gute Leute immer gebrauchen!” – geht`s noch? In den letzen 5 Jahren haben ich 5-6 solcher Angebote (inkl. Begründungen) von großen Gemeinden und Werken bekommen. Ein Leiter sagte mir einmal, dass ihn kleine Gemeinde mittlerweile “ankotzen” würden! Die Leiter dort hätte einfach zu wenig Mut, Vision und Glauben! – geht es noch arroganter und unbarmherziger?!

 

Ein unsachlicher Vergleich von Äpfeln mit Birnen.

Aber schauen wir mal genauer hin und vergleichen große und kleine Gemeinden einmal in Relation:

Mitarbeiter: Aus der Kirchenforschung wissen wir, eine Gemeinde gilt als besonders aktiv, wenn sie 20% aktive, mitarbeitende Mitglieder hat. Nehmen wir jetzt mal eine Gemeinde von 500 Leuten, sie müsste demnach 100 Mitarbeiter haben, eine kleine Gemeinde von 50 Mitgliedern, 10 Mitarbeiter. Tatsächlich darf ich melden, dass in unserer Gemeinde locker 50-60% aktiv mit anpacken! Wir sind demnach eine sehr lebendige und aktive Gemeinde, ja sogar lebendiger und aktiver als manches großes Vorbild!

Finanzen: Als ich in meiner kleinen Gemeinde als Pastor anfing, war ich echt überrascht darüber wie viel Geld diese kleine Gemeinde zusammenkratzen konnte! Persönliche Gespräche mit Kassierern größerer Gemeinde desillusionierten mich hier total, demnach geben hier viele im Schnitt 50,- Euro im Monat (500 x 50,-Euro= 25.000,-Euro). Die Menschen unserer keinen Gemeinde vom Studenten, Rentner bis hin zum Angestellten sind im durchritt viel großzügiger!

Als es wieder einmal enger mit unseren Finanzen wurde, da überlegten wir wo wir überall Einsparrungen vornehmen konnten. Ich interviewte auch viele Kollegen aus umliegenden Gemeinden. Voller erstaunen stellte ich fest, dass viele selber den 10. als Prinzip in der Gemeinde lehrten und predigten, aber selber nicht lebten! Unser Gemeinde spendet monatlich 10% von ihren Einnahmen an wohltätige und missionarische Zwecke – wir kürzen eher mein Gehalt, als diese Unterstützungen zurück zu fahren.

Eine oft gehörte Antwort war “… der 10. gilt nicht für uns als Gemeinde, wir geben schließlich 100% unserer Einnahmen ins Reich Gottes vor Ort…” – totaler Quatsch! Selbst im Alten Testament war es so, dass alle 3 Jahre der komplette 10. an die Armen, Witwen und Ausländer ging, im Neuen Testament sehen wir regelmäßige Sammlungen von finanzstarken Gemeinden für finanzschwache Gemeinden usw. Ein Anruf eines großen chr. Werkes, das wir regelmäßig unterstützen desillusionierte uns hier als Gemeindeleitung total. Man wolle uns einmal persönlich Danke sagen und uns darauf hinweisen, dass das Werk jedem “Großspender wie uns” jährliche, kostenlos einen prominenten Gastsprecher organisieren könnte! Wie bitte? Wir waren, sind mit dem wenigen was wir geben “Großspender” und auf ihrer V.I.P. Liste?! Wie viel/wenig mussten dann die anderen geben?

Ich muss dabei an die Witwe und Jesus denken die “nur” zwei Groschen in die Spendenkiste im Tempel schmeißen konnte! »Ich versichere euch«, sagte Jesus, »diese arme Witwe hat mehr gegeben als alle anderen. Denn jene gaben nur einen Bruchteil von ihrem Überfluss, sie aber, arm wie sie ist, gab alles, was sie besaß.« (NL; Lukas 21,3f) Mal ne kritische Frage: Wie viel Prozent fließen von deiner Gemeinde in Gehälter, Gebäude, Technik usw. und wie viel in Projekte, Arbeiten außerhalb der Gemeinde?

Ich will selber nicht stolz und arrogant sein, aber hier noch einmal das schreiben, was ich auch immer in unserer kleinen Kirchengemeinde zu sagen pflege: In den Augen Gottes sind wir sehr reich und sehr großzügig!

Wachstum: 1-2 mal im Jahr haben wir eine Taufe im Jahr. Viele Menschen kommen bei uns zum Glauben, auch viele Konvertiten (ehemalige Muslime) sind dabei. In meinem Theologiestudium wollte ich es einmal genau wissen und habe eine Umfrage gemacht.

An der Umfrage nahmen 156 Bfp[1] Gemeindemitglieder aus verschiedenen Gemeinden unseres Bundes teil, die selber in keiner leitenden Funktion der Gemeinde standen.[2] Ich habe die Befragten erstens nach dem Geschlecht getrennt und sie zweitens in drei Alterskategorien eingeteilt (unter 24 Jahre; 25-49 Jahre; über 50 Jahre).

Zunächst, dass unsere Gemeinden bzw. unser Gemeindebund hier in Deutschland nach wie vor ein gewisses Wachstum auszeichnet, ist leicht aus der Bfp Wachstumsstatistik[3] zu entnehmen. Und so gaben auch 80% der Befragten an,[4] dass ihre Gemeinde in den letzten zwei Jahren gewachsen sei. Doch wie setzt sich dieses Wachstum zusammen? Oder anders gefragt: durch wen wurde das Evangelium den Befragten bekannt gemacht?[5]

Zunächst die Zahlen: 61% aller Befragten wurden durch ihre Familie mit dem Evangelium bekannt gemacht, 28% durch Freunde und Bekannte, 5% durch ihnen damals Fremde und weitere 6% durch sonstiges. Zwar ist auch hier bereits bei einem ersten Blick der (ich nenne es:) biologische Wachstumsfaktor[6] recht hoch, doch sollte uns der zweite Blick wirklich zum Nachdenken und vor allem zum Umdenken und Handeln bewegen! Bei diesem zweiten Blick fällt nämlich auf, dass sich mehr und mehr ein Trend anzubahnen scheint, indem wir fast nur noch biologisches Wachstum[7] zu verzeichnen haben.[8]

frommer Grössenvergleich_statistik_01

Auf den gerne von großen Gemeinden publizierten Taufgottesdienstbildern sieht man sehr oft fast ausschließlich nur junge Menschen (nicht falsch verstehen, das freut mich riesig). Viele dieser Täuflinge sind Gemeindekinder und kein Resultat einer besonders missionarischen Arbeit.

Persönliche befreundete Leiter von großen Gemeinde haben es mir oft ganz ehrlich bestätigt, dass 1. viele Menschen nicht aus der unmittelbaren Nähe der Kirchengemeinde kommen, sondern teilweise über weite Strecken mit dem Auto zurück legen und 2. dass sie vor allem solchen Faktoren wie das “neue Kirchengebäude”, regelmäßiges einladen “promineter Gastsprecher” usw. einen kräftigen Gemeindezuwachs zuschreiben!

Ein kritischer Blogbeitrag über – von uns oft als Erweckung verklärten – großen Gemeindebewegungen in den USA wie Toronto, Pensacola, Brownsville und Lakeland usw. fragt daher zu Recht:

Warum erhöhen die sogenannten “Erweckungen” nicht den Anteil an Kirchgängern in ihren Orten?”[9]

… wie anfangs erwähnt, meine Beobachtungen mögen hier und da subjektiv sein, falls sich einer da draußen berufen fühlt das Ganze in einer repräsentativen Studie nach zu gehen würde ich mich über ein Belegexemplar freuen, aber ich denke hier und da ist schon etwas dran, oder?

 

Neues Denken.

Das wir uns gegenseitig miteinander vergleichen ist sicherlich nicht schlimm und zutiefst menschlich. Ich würde aber zu der Kategorie “Mitgliederzahl” auch die Kategorien “Außenwirkung”, “der Stadt Bestes suchen”, “missionarische Wirkung”, “Spendenbereitschaft” usw. vorschlagen und zu einem Umdenken und hier und da vieleicht auch Buße aufrufen.

Macher Pastor einer großen Gemeinde betont neben der Gemeindegröße auch gerne seine Leiter.- und Managerkompetenzen – klar: in einer großen Gemeinde gibt es viel mehr an Herausforderungen die so einen Leitungsstil fordern. Aber viele meiner Kollegen kleinerer Gemeinden sind auch bemerkenswerte “Manager”, sie managen oft nicht “nur” ihre Gemeinde, sondern immer öfter auch 1-2 zusätzliche Jobs um sich und ihre Familien finanziell über Wasser zu halten, boxen sich trotzdem noch Zeit für die Vorbereitung guter Predigten und liebevolle Gespräche mit Menschen heraus und der Gleichen mehr!

All jenen möchte ich zurufen: IHR SEIT SPITZE! GOTT SIEHT EURE HERAUSFORDERUNG UND LIEBT UND SEGNET EUCH – EUER LOHN WIRD GROSS SEIN! … und bitte, bitte: HÖRT AUF ÄPFEL MIT BIRNEN ZU VERGLEICHEN;-)

Gott hat mich nicht dazu bestellt, erfolgreich zu sein. Gott hat mich dazu bestellt, treu zu sein.” (Mutter Teresa)
 

[1] Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden

[2] Sowohl Pastoren, wie Älteste, Mitglieder eines Gemeindeleitungsteams, sowie auch Studenten vom Theologischen Seminar Beröa waren von der Umfrage ausgeschlossen.

[3] Anhang 11.4.2 BfP Wachstumsstatistik

[4] Frage 20

[5] Frage 10

[6] Wachstum durch und innerhalb von Familien.

[7] und ein klein wenig Freundschaftsevangelisation.

[8] Männlich unter 24 Jahren= 82%; Weiblich unter 24 Jahren= 60%

[9] https://siyach.wordpress.com/2014/05/18/erweckungspornos/

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