Konsumsünden – Nehmen ist sündiger als geben.

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Der Prediger auf dem Jugendkongress spricht diese Dinge mutig – dem Zeitgeist zum Trotz – an: Er spricht über Enthaltsamkeit, darüber auf ‘den großen Tag’ zu warten, von Selbstbefriedigung und Selbstbeherrschung. Eine junge Frau aus dem Leitungsteam unterstreicht die Message mit einem bewegenden Zeugnis aus ihrer Teenyzeit. Man könnte eine Stecknadel fallen hören, während sie ruhig und sachlich reflektiert, dass sie damals fälschlicherweise “je mehr desto besser” dachte, heute aber weiß, dass sie damals nur eigene Seelenlöcher stopfen und eigene Ablehnung und Verletzungen kompensieren wollte. Dem anschließenden Kanzelruf und Gebetsaufruf folgen unglaublich viele tief bewegte Zuhörer, manche weinen, sie lassen sich die Hände auflegen, bitten um Vergebung, Heilung und die Kraft beim nächsten Mal “NEIN” sagen zu können… – ein bewegender Gottesdienst oder? Umso bewegender, wenn wir uns das Predigtthema genauer anschauen, denn nein, es geht nicht um einen falschen Umgang mit Sexualität, sondern um andere Konsumssünden! “Konsumsünden”?! “Konsum” kommt vom lat. consumere „verbrauchen“, Konsumgüter sind Güter, die für den privaten Ge- oder Verbrauch hergestellt und gehandelt werden und natürlich können wir auch in diesem Bereich sündigen und das sogar nicht zu knapp! Zum einen stehen einige allgemeine biblische Prinzipien – zB. “Geben ist seliger denn nehmen” – dem Konsum kritisch gegenüber, aber zum anderen findet sich auch sehr konkretes, das wir nicht ignorieren sollten.

Nehmen ist sündiger den geben.

Beispiel Kleidung: Im neuen Testament werden wir aufgefordert uns nicht aufgetakelt und mit dem neusten und angesagtesten, total durchgestylt in den Gottesdienst zu präsentieren und zu protzen, sondern hier durch unsere Förmlichkeit zu punkten(1Tim 2,9f). Oder anders: der Satz “Kleider machen Leute” gilt in der Gemeinde nicht! Gemeinde ist kein Catwalk, sondern eine Scharfherde, die sich durch Nachfolge diffamiert! Im Gegenteil, Jesus sagt uns “Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat…” (LK3,11). Sich schicke Kleider zu kaufen ist das eine, das andere ist es auf welche Kosten wir dies tun. Der Prophet Amos nannte es im Auftrag Gottes einmal einen großen Frevel “… die Armen für ein Paar Schuhe zu verkaufen…” (Am2,6), aber wer die Wirkungs.- und Produktionsketten unserer Kleidung kennt, der weiß, dass wir genau das oft billigend in Kauf nehmen: Wir sind um eines billigen Preises wegen bereit dazu für unserer Produkte in Kauf zu nehmen, dass diese von armen Sklaven zB. in Asien produziert werden. In Amos 4 spricht der Prophet einmal wohlhabende Frauen politisch unkorrekt mit “fette Kühe” an, die auf Kosten der Armen im Luxus lebten und sich dennoch fromm im Gottesdienst gebären. Wo ist dieses klare prophetische Wort heute – dem Zeitgeist zum Trotz – in unseren Gemeinden? Seien wir doch mal ehrlich: Wie wichtig sind uns doch Äußerlichkeiten auch in unseren Gemeinden. Wir wollen hip und modern sein, am Puls der Zeit usw., merken dabei aber oftmals möglicherweise nicht, dass wir damit einen Frevel im Tempel Gottes begehen und Gottes Träume und Werte billigend in fremden Konsumtempeln – den Einkaufszentren unserer Zeit – opfern. Sind wir bereit auch von unseren Konsumsünden umzukehren?

Beispiel Nahrung: Ein deutsches Sprichwort sagt: “Fressen und Saufen macht die Ärzte reich.” Das zuständige Bundesministerium schreibt auf ihrer Homepage: “… Zahlreiche Erkrankungen sind direkt oder indirekt mit der Ernährung verbunden. Allen voran die sogenannten Volkskrankheiten Diabetes mellitus, Fettsucht (Adipositas) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aber auch einige Formen von Krebs sowie chronische Entzündungsprozesse werden durch bestimmte Nährstoffe beeinflusst. Die Krankheiten beeinträchtigen nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen. Sie belasten auch die Gesellschaft.”[1] Jesus sagte uns vor rund 2000 Jahren: “Hütet euch aber, dass eure Herzen nicht beschwert werden mit Fressen und Saufen …” (LU; Lk 21,34)[2] – Das scheint mir eines der ignorirtesten neutestamentlichen Gebote zu sein. Jetzt mag man diese Gebot schnell mit einem “das betrifft mich aber nicht” verdrängen, hier aber nur mal einige aktuelle Zahlen:

Fleisch: Wir haben ein Pro-Kopf-Verbrauch von jährlich rund 60 Kilogramm.[3] Ernährungsexperten raten zu einem Fleischverzehr von höchstens 300 bis 600 Gramm Fleisch oder Wurstwaren pro Woche – also maximal halb so viel wie bisher.

Gummibärchen: Mit 2,9 Kilogramm pro Kopf und Jahr halten Gummibärchen & Co den Verzehr-Rekord unter den Zuckerwaren.[4]

Schokolade: Statistisch isst jeder Deutsche 9,5 Kilo pro Jahr – das wären 95 Hundert-Gramm-Tafeln pro Kopf und Jahr.

Alkohol: Insgesamt werden 135,4 Liter an alkoholischen Getränken pro Kopf im Jahr verbraucht, das sind 9,5 Liter reiner Alkohol. 74.000 Menschen sterben Schätzungen zufolge jedes Jahr in Deutschland an den gesundheitlichen Folgen des Alkoholkonsums.

Übergewicht: Jeder zweite Deutsche ist zu dick. Die Deutschen gelten, als die dicksten Europäer! 2009 waren einer Studie zufolge etwa 48,2 % der über 50-Jährigen leicht übergewichtig. Als fettleibig galten damals 18,7%! Aber jetzt kommt es: die Zahl der Fettleibigen soll Prognosen zufolge bei den über 50 jährigen bis 2030 um 80 Prozent steigen! 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen drei und siebzehn Jahren sind übergewichtig – jeder Hundertste, so schätzen Experten, leidet auch an einem Typ-2-Diabetes.[5] – Das alles sind lediglich die Folgen die wir uns selber antun, aber wie bei der Kleidung ist es auch wichtig hier die Wirkungs.- und Produktionsketten mit einer globalen Perspektive im Auge zu behalten. Es ist schlicht unethisch sich selbst krank zu essen und es gleichzeitig zu ignorieren, dass andere krank vor Hunger sind. 1.842 Millionen Menschen auf der Welt haben nicht genug zu essen. Hunger ist das größte Gesundheitsrisiko weltweit. Mehr Menschen sterben jährlich an Hunger, als an AIDS, Malaria und Tuberkulose zusammen. Man nennt Hunger auch ‘das größte lösbare ungelöste Problem der Welt’. Während die Industriestaaten nur rund ein Fünftel der Weltbevölkerung stellen, verbraucht (konsumiert) dieses Fünftel zirka zwei Drittel der Nahrungsmittel und 80 Prozent aller Rohstoffe. Das Verbot von ‘Fressen & Saufen’ hat nicht nur was mit unserer Gesundheit zu tun, sondern vor allem was mit Nächstenliebe und damit auch der Christusnachfolge!

Mäßigung als Tugend

Es geht bei allem darum ein ganzheitliches Maß und inneres Gleichgewicht zu finden. So schreibt Petrus: “So wendet alle Mühe daran und erweist in eurem Glauben Tugend und in der Tugend Erkenntnis und in der Erkenntnis Mäßigkeit und in der Mäßigkeit Geduld und in der Geduld Frömmigkeit […].” (LU; 2.Petrus 1,5f) Für Manchen fast unbekannte Vokabeln: Mäßigung als Tugend – ja als Zeichen der Frömmigkeit! Im Lateinischen heißt Mäßigung temperantia[6] – es geht dabei also die richtige “Temperatur”, das richtige Maß zwischen ‘Askese’ auf der einen und ‘Ausschweifung’ auf der anderen Seite zu finden. Genau dafür hat Gott uns seinen Heiligen Geist – einen Geist der Selbstbeherrschung (2Tim1,7) – gegeben. Pfingstler jedendenfalls sollten demnach die Tugendhaftesten, gemäßigten Menschen dieses Planeten sein und eher bereit zu sein alles was sie nicht brauchen zu teilen, als ständig noch mehr neues und mehr anzuraffen, oder?

 

[1] https://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/ernaehrung.php; Stand 09.09.2014

[2] vgl. Röm 13,13

[3] Quelle: Statistisches Bundesamt, Vom Erzeuger zum Verbraucher, Fleischversorgung in Deutschland 2008 und Ernährungsbericht 2008

[4] Quelle: BMELV Statistik

[5] Quelle: diabetesDE

[6] von temperare „aus verschiedenartigen Teilen ein einiges geordnetes Ganzes fügen“

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