Staatsschulden? Erlassjahr! Ich habe die Lösung.
Staatsschulden? Erlassjahr! Ich habe die Lösung (Titelbild von pixabay.com).

Staatsschulden? Das Erlassjahr die Lösung

Lesedauer ca. 21 Minuten

Pfingsten und das Erlassjahr – ein Schuldenschnitt für alle. Lese hier eine preisgekrönte Predigt mit vielen spanendem, aktuellem Hintergrundwissen und exegetisch herausfordernden – fast vergessenem – Wissen der Bibel.

Der Ökumenische Predigtpreis vom Verlag für die Deutsche Wirtschaft

Pfingsten und das Erlassjahr – PFINGSTEN, ein Schuldenschnitt für alle.

Ja, um jeden Zweifel gleich von vorneherein im Keim zu ersticken: Ich bin ein echter Pfingstler! Ich habe den Heiligen Geist mehrfach in Aktion gegesehen und erlebt und bin davon begeistert. Dennoch meine ich, dass wir das Wirken des Heiligen Geistes nicht nur charismatisch deuten dürfen, es ist viel mehr als das! Gleich in den Anfängen der Pfingstbewegung wurde dies sehr deutlich: Die Ausgießung des Heiligen Geistes hatte vor rund 100 Jahren in der Azusastreet nicht nur zur Folge, dass Menschen in neuen Sprachen redeten, sondern – und das ist im Kontext der Zeit gesehen ein echtes Wunder – bewegte auch schwarze und weiße Menschen, Arme und Reiche dazu, zusammen Gottesdienst zu feiern! Das Wirken des Heiligen Geistes sprengte somit auch ethnische, soziale und ökonomische Grenzen – kein Wunder also, dass wir Pfingsten in diesem Beitrag unter dem Aspekt des Erlassjahres betrachten. Doch wenn wir uns näher damit befassen wollen, kommen wir nicht umhin, uns mit unseren grundsätzlichen Einstellungen und Gedanken auseinanderzusetzen, die wir zum Thema Schulden und Schuldenerlass hegen. „Schulden müssen doch immer zurückgezahlt werden, oder?“ Diese Frage stellte ich mir mit einer Hand voller junger, engagierter Menschen bei einem Vernetzungstreffen der Micha-Initiative[1]. Bevor wir uns der Thematik des Erlassjahres stellen, muss ich dieser Annahme zunächst einmal grundsätzlich widersprechen: Nein, Schulden müssen nicht immer zurückgezahlt werden. Stellen Sie sich vor, Sie würden zu Ihrer Hausbank gehen und dort einen Kredit für das nächste Casino beantragen und brächten als Sicherheit nicht mehr mit als Ihre Überzeugung, Sie hätten gerade eine todsichere Glückssträhne. Ihre Hausbank würde Ihnen sehr wahrscheinlich keinen Kredit – und dies aus einem einfachen Grund: Es gibt kein Gesetz, das der Bank garantiert, dass sie das ausgezahlte Geld zurück erhält! Wer Geld verleiht, trägt immer ein gewisses Risiko, dass dieses nie wieder oder nur teilweise erstattet wird. Und das ist auch gut so! Stellen Sie sich vor, es gäbe ein Gesetz, das der Bank garantierte, ihr Geld immer zurückzubekommen, selbst wenn das bedeuten würde, dass Ihr Sohn dafür in einem dunklen Bergwerk arbeiten müsste, Ihre Tochter zur Prostitution gezwungen wäre und Sie selbst keine andere Wahl hätten, das eine oder andere Ihrer Organe zu verkaufen. Ein solches Gesetz gibt es nicht. Wer Geld verleiht kommt nicht umhin, dieses Risiko immer mit einzukalkulieren. David Graeber stellt in diesem Zusammenhang fest: „,Aber man muss seine Schulden doch zurückzahlen.‘ Dieser Satz klingt so gewichtig, weil er in Wahrheit kein ökonomischer, sondern eine moralische Aussage ist.“[2] Hierin liegt zwar ein wahrer Kern, dennoch bezweifelt Graebner gleichzeitig die moralische Verpflichtung der Dritten Welt, ihre Schulden auch jetzt noch, nach über 30 Jahren, mit Zins und Zinseszins zurückzahlen zu müssen. Ist es nicht ethisch fragwürdig, ganze Völker bis heute in Geiselhaft zu nehmen, nur weil in den 70er-Jahren diverse Diktatoren die eigenen Taschen mit Krediten aus dem reichen Westen füllten, sich Paläste bauen ließen und ihr Vermögen bis dato in Steueroasen einlagern? Ist es moralisch, Kindern, die dieses Geld nie zu Gesicht bekommen haben, das Essen vom Teller wegzunehmen, weil teilweise längst verstorbene Despoten noch offene Schulden haben?

Staatsschulden? Erlassjahr! Ich habe die Lösung.

Staatsschulden? Erlassjahr! Ich habe die Lösung.

In unserem deutschen Rechtssystem kennen wir die Privatinsolvenz, bei der den Betroffenen nach sieben Jahren die Schulden erlassen werden. Dieses Insolvenzrecht kennen wir auch bei Firmen und Unternehmen. Warum gibt es bis heute kein Insolvenzrecht für Staaten? Mancher Christ stempel diese Fragestellung allzu schnell als weltliche ab. „Darum soll sich die Welt kümmern, wir kümmern uns um das Evangelium.“ – sind oft reflexartige Antworten die man in diesem Zusammenhang zu hören bekommt. Aber stimmt das? Sagt das Evangelium wirklich nichts zu diesen Dingen?

Das Erlassjahr damals

Nähern wir uns nun der Thematik des Erlassjahres. Die Bibel kennt etwas sehr Ähnliches, wie eine Insolvenz bzw. einen Schuldenschnitt, wie es unser Rechtsstaat kennt: das sogenannte Sabbatjahr – auch Schmittah (שמיטה) genannt. Alle sieben Jahre musste ein Acker brachliegen und durfte nicht bestellt werden. Diese Zeit war eine Ruhephase, in der sich der Boden erholen und neue Nährstoffe ansammeln konnte – eine geniale Erfindung Gottes, welche die langfristige landwirtschaftliche Wertschöpfung sicherstellte. Aber der Meister gab ein weiteres Gebot auf, eine Gepflogenheit, die unser Recht bisher noch nicht kennt: Alle sieben Sabbatjahre, sprich alle 49 Jahre, sollte man im darauffolgenden 50. Jahr ein Jubeljahr ausrufen! Ein Priester blies zu diesem Zweck in eine Posaune und verkündigte das frohe Ereignis, ein Erlassjahr, einen Schuldenschnitt für alle! Im alten Israel verhielt es sich so, dass jeder Stamm und somit jede Familie durch eine Verlosung einen Landbesitz erhalten hatte. Dieser war absolut unveräußerbar. Wenn man jedoch durch eine Notlage dazu gezwungen war, das Land zu verkaufen und damit seine Existenzgrundlage aufzugeben, dann galt dies nur auf Zeit! Im Jubeljahr wurden alle Schulden auf diesem Besitz erlassen und man bekam das Land zurück! Die Kinder mussten nicht die Folgen der Misswirtschaft ihrer Väter tragen. Sie konnten mit dem Erlassjahr von Neuem beginnen. Man hatte nicht das Problem, dass Schuldenberge, die unmöglich zu bewältigen waren, auf die nachfolgenden Generationen abgewälzt wurden – wie es zur Zeit in der westlichen Welt gang und gäbe ist. Desweiteren war man verpflichtet, in diesem Jahr alle jüdischen Sklaven freizulassen. Jahwe hatte Israel von der Knechtschaft Ägyptens erlöst und wollte nicht, dass seine Menschenkinder erneut in Gebundenheit durch Menschen oder Systeme gerieten.

Hierzu gab es eine ganze Fülle an Sabbatbestimmungen:

  • A) den Sabbat (jeder siebte Tag war ein Ruhetag)
  • B) das Abgabegebot (alle drei Jahre eine Abgabe an die Armen)[3]
  • C) das Sabbatjahr (alle sieben Jahre ein Ruhejahr für den Boden, ein Schuldenschnitt und Sklavenbefreiung)

Aber alle mündeten in die radikalste Reform des Meisters ein,

  • D) das Erlassjahr (alle sieben Sabbatjahre wurden im kommenden 50. Jahr sämtliche Schulden erlassen, Sklaven freigelassen und Besitztümer zurückgegeben)

In 3Mo 25,8-19 können wir Gottes Bestimmungen zu diesem Jahr des Jubels nachlesen:

Sodann sollt ihr sieben Sabbatjahre abzählen, sieben mal sieben Jahre, also zusammen 49 Jahre. Am zehnten Tag des siebten Monats, am Versöhnungstag, sollt ihr im ganzen Land die Posaunen blasen lassen. Dieses 50. Jahr soll für euch heilig sein und ihr sollt im ganzen Land Befreiung für alle seine Bewohner ausrufen. Es soll ein Erlassjahr für euch sein, in dem jeder von euch wieder seinen ererbten Landbesitz erhält und jeder wieder zu seiner Familie zurückkehren kann. Ja, das 50. Jahr soll ein Erlassjahr für euch sein (…). Haltet euch an meine Vorschriften und befolgt meine Gesetze genau, so werdet ihr sicher im Land leben. Dann wird das Land seinen Ertrag bringen und ihr werdet genug zu essen haben und sicher darin leben.

In der folgenden Tabelle wird deutlich, wie sich diese Verordnungen für Israel im zeitlichen Ablauf über eine Dauer von 50 Jahren darstellten. Die Zahlen kennzeichnen dabei die Anzahl der Jahre, die Großbuchstaben stehen für die oben beschriebenen Sabbatbestimmungen:

1 2 3 B 4 5 6 B 7 C
8 9 B 10 11 12 B 13 14 C
15 B 16 17 18 B 19 20 21 B+C
22 23 24 B 25 26 27 B 28 C
29 30 B 31 32 33 B 34 35 C
36 B 37 38 39 B 40 41 42 B+C
43 44 45 B 46 47 48 B 49 C
50 D

Gott gab seinem Volk bei Einhaltung dieser Gebote folgende Zusagen:

Eigentlich sollte es keine Armen unter euch geben, denn der Herr, euer Gott, wird euch in dem Land, das er euch als Erbe gibt, reich segnen. Doch ihr müsst dem Herrn, eurem Gott, gehorchen und seine Gebote, die ich euch heute gebe, gewissenhaft befolgen. (5Mo 15,4f)

Jede Generation sollte nach dieser Ordnung mindestens einmal Befreiung und komplette Entschuldung erleben, um so die Gefahr der Armut weitgehend zu minimieren. Übertragen wir dieses System in die heutige Zeit, können wir leicht nachvollziehen, warum diese Reformen in der Geschichte Israels ignoriert wurden. Man stelle sich vor, dass Saturn, Mediamarkt, H&M, C&A, Aldi, Lidl, REWE und jedes andere Unternehmen alle drei Jahre per Gesetz dazu verpflichtet wären einen zehnten Teil ihrer Waren in die Stadtmitte zu tragen und damit alle Hartz-IV Empfänger, Rentner und Ausländer zu beschenken! Nichts Geringeres verlangte das Abgabegebot. Rechnet man das Beispiel in Zahlen um, so würde dies bedeuten, dass wir alle drei Jahre den zehnten Teil unseres Bruttoinlandproduktes, sprich 257 Milliarden oder jährlich 86 Milliarden Euro für Sozialleistungen den Armen zur Verfügung stellen müssten.[4] Zum Vergleich: Wir geben nur rund 48 Milliarden Euro für Harz-IV (inklusive Zuschüssen zu Wohn- und Heizkosten) aus!

Staatsschulden? Erlassjahr! Ich habe die Lösung.

Staatsschulden? Erlassjahr! Ich habe die Lösung.

Man stelle sich weiter vor, dass alle deutschen Banken, das Amtsgericht und alle privaten Gläubiger mit ihren Inkassounternehmen jedes fünfzigste Jahr auf ihre Schulden verzichten und darüber hinaus sogar die gepfändeten Gegenstände und Besitztümer zurückgeben müssten! Genau dies verlangte das Erlassjahr. Wir verstehen, warum ein Schuldenschnitt Politikern auch heute große Mühe bereitet. Als der Finanzpolitiker Gerhard Schick (Bündnis 90 die Grünen) die Idee des Erlassjahres 2012 bei einer Podiumsdiskussion des 98. Katholikentages als Mittel gegen die Schuldenkrise einbrachte, wies Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) den Vorschlag nachdrücklich mit folgenden Worten zurück: „Ein Erlassjahr bedeutet Geldentwertung und Währungsreform.“[5] Und tatsächlich, wir haben es mit einer absolut radikalen Reform zu tun, die uns ahnen lässt, dass auch Israel damals der Versuchung des Ungehorsams erliegen musste. Und genau so kam es. Die Propheten des Alten Testaments prangerten den Ungehorsam ihrer Zeitgenossen immer wieder vergebens an:

»So spricht der Herr, der Gott Israels: Vor langer Zeit, als ich eure Vorfahren aus der Sklaverei in Ägypten befreit habe, habe ich einen Bund mit ihnen geschlossen. Ich gebot ihnen: Alle sieben Jahre sollt ihr euren hebräischen Bruder freilassen, der sich euch als Sklave verkauft hat. Sechs Jahre soll er dein Sklave sein, aber dann sollst du ihn als freien Mann gehen lassen. Aber eure Vorfahren hörten nicht auf mich und waren mir nicht gehorsam …. Deshalb spricht der Herr: Letztendlich habt ihr mir nicht gehorcht, denn ihr habt die Freilassung für eure Brüder und eure Nächsten zwar ausgerufen, letztendlich aber nicht ausgeführt. Deshalb rufe ich eine Freilassung über euch aus«, spricht der Herr. »Ich liefere euch dem Schwert, dem Hunger und der Pest aus. Alle Königreiche der Erde werden entsetzt sein, wenn ich euch das antue …. (Jer 34,13-17)

Es gibt in der Bibel selbst immer wieder Hinweise dafür, dass entweder vergebens zur Einhaltung der Erlassregel aufgerufen wurde oder das Volk Gottes den Anweisungen nur teilweise Folge leistete.[6] Da der Geschichtsschreiber Josephus in seinem Werk Antiquitates Judaicae Steuerbefreiungen für jedes siebte Jahr erwähnt, ist jedoch zumindest anzunehmen, dass das Sabbatgebot als Jahr der Brache für die Böden zur Zeit Christi beachtet wurde. Bei allen anderen Erlassanweisungen kam es aber nie zu einer konsequenten Umsetzung!

Schuldenerlass heute

Auf jedem Deutschen lastet rein statistisch eine Staatsverschuldung von 26.000 Euro, weltweit befinden sich die Industrieländer mit 55.000.000.000.000 Euro in den roten Zahlen. Und dieser Trend setzt sich fort: In Deutschlands meistverschuldeter Stadt Oberhausen nimmt man jeden einzelnen Tag 400.000 Euro, in der Bundesrepublik insgesamt 80.000.000 Euro und in den USA 500.000.000 Euro neue Schulden auf. Man muss kein Prophet sein um vorauszusagen, dass diese Entwicklung nur noch sehr kurze Zeit so weitergehen kann! Ohne einen Schuldenschnitt steht die Welt vor ihrer größten Krise, die soziale Unruhen und gewaltige Verteilungskämpfe zur Folge haben wird. Die Ruhe, die man in den Medien hie und da suggerieren möchte, ist die Ruhe vor dem Sturm! Ergebnisse der Recherchen von David Graeber richten einen Weckruf an uns alle: Praktisch alle Aufstände, Umstürze und sozialen Revolutionen der europäischen Geschichte entstanden aus einer Situation der Überschuldung. In seiner Studie untersucht Graeber die letzten 5.000 Jahre Schuldengeschichte der Menschheit und kommt zu schrecklichen Erkenntnissen: Die „Schöpfung aus nichts“, eine über Generationen zyklisch wiederkehrende Verschuldung, sei eine Lebensbedrohung vergangener und gegenwärtiger Machtkonstellationen.[7] Das letzte Erlassjahr wäre übrigens nach dem jüdischen Kalender auf das Jahr 2000 unserer Zeitrechnung gefallen. Was hätten wir uns an Finanzkrisen und Turbulenzen in der Weltwirtschaft ersparen können, wenn wir der Anweisung Gottes, unseres Meisters gefolgt wären! Ein Blick in die Geschichte legt diese Vermutung jedenfalls sehr nahe. Eventuell hätte ein Schuldenschnitt in dem Erlassjahr, das 1900 fällig gewesen wäre, sogar die Weltwirtschaftskrise 1929 verhindern können, die ja vor allem die Folge von Überproduktion und kreditfinanzierter Massenspekulation – sprich Überschuldung – gewesen ist! Und vielleicht wäre es sogar möglich gewesen, damit die Schrecken des ersten und zweiten Weltkrieges zu verhindern oder abzumildern. Das Argument, dass wir uns einen solchen regelmäßigen Schuldenschnitt nicht leisten könnten, scheint angesichts des enormen Einsparpotenzials an den Folgekosten der großen Weltwirtschaftkrise und der Weltkriege jedenfalls ad absurdum geführt zu sein: Ein konsequenter Schuldenschnitt wäre in jedem Fall günstiger gewesen! Doch der menschliche Egoismus ist auch heute, wie damals im Volk Israel, größer als das Gottvertrauen.

Staatsschulden? Erlassjahr! Ich habe die Lösung.

Staatsschulden? Erlassjahr! Ich habe die Lösung.

 Der Messias und das Erlassjahr

Zu der Zeit Christi gab es nicht zuletzt aufgrund der Eigennützigkeit und des Ungehorsams gegenüber Gottes Erlassordnungen viele Arme, die sehnsüchtig die Wiederherstellung dieser Gebote erhofften. Die Aussicht der jüdischen Bevölkerung bestand darin, dass der verheißene Messias diese Erlassgebote wieder reformieren und durchsetzen würde. Diese Erwartung wird unter anderem in Jes 61,1f formuliert:

Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir …, um den Armen eine gute Botschaft zu verkünden. Er hat mich gesandt, um die zu heilen … und zu verkündigen, dass die Gefangenen freigelassen und die Gefesselten befreit werden. Er hat mich gesandt, um ein Gnadenjahr des Herrn … unseres Gottes auszurufen ….

Kim Tan zeigt in seinem Buch „Das Erlassjahr-Evangelium[8], wie sehr diese Verordnung des Jubeljahres die Sendung und das Selbstverständnis Christi bestimmte. Die Fülle an Nachweisen würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen. Aber die wichtigsten Beobachtungen sollen doch einfließen, um damit ein ganz neues, ganzheitliches Verständnis von der Sendung Christi einerseits und vom Pfingstereignis im Besonderen darzulegen: Jesu Zeitplan erwies sich dabei wie immer als perfekt: Das Jahr Null, der Anfang unserer Zeitrechnung, die Geburt und Ankunft des Messias war ein Jubeljahr! Und an dieser Stelle ergeben sich noch weitere hochbrisante Beobachtungen. Denn bei seinem ersten öffentlichen Auftritt verkündigt Christus nichts anderes als genau dieses Jesajawort, das Juden über Generationen hinweg auf die Zeit des Erlasses unter der Herrschaft des Messias hatte hoffen lassen:

„Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn er hat mich gesalbt, um den Armen die gute Botschaft zu verkünden. Er hat mich gesandt, Gefangenen zu verkünden, dass sie freigelassen werden, Blinden, dass sie sehen werden, Unterdrückten, dass sie befreit werden und dass die Zeit der Gnade des Herrn gekommen ist.“ Er rollte die Schriftrolle zusammen, gab sie dem Synagogendiener zurück und setzte sich. Alle in der Synagoge sahen ihn an. Und er sagte: „Heute ist dieses Wort vor euren Augen und Ohren Wirklichkeit geworden!“ (Lk 4,18-21)

Gott will, dass wir frei sind.

 Jesus möchte, dass auch wir keine Knechte sind! Er will weder, dass unsere Sünden, unsere Ängste, materiellen Schulden noch unsere Naivität uns versklaven. Gott will, dass wir frei sind! Im Jesajatext steht geschrieben: „Er hat mich gesandt, um ein Gnadenjahr des Herrn … auszurufen.“ Das Gnadenjahr war nach jüdischer Vorstellung das Jubeljahr oder Erlassjahr, das im dritten Buch Mose in Kapitel 25 verordnet wurde und vom Messias wieder reformiert, neu ausgerufen und umgesetzt werden sollte. Christus beanspruchte mit diesen Worten nichts anderes, als genau diese Erwartungen durch seine messianische Sendung jetzt Wirklichkeit werden zu lassen – damals wie heute ein Skandal. Nur knapp konnte Jesus nach dieser Äußerung dem wütenden Mob entkommen, der ihn für diese unerhörten Worte töten wollte. Warum um alles in der Welt reagierte seine Zuhörerschaft, die doch auf den Messias gewartet hatte, mit so großem Zorn. Der Schlüssel lag vermutlich darin, dass Jeshua mit seiner Verkündigung des Erlassjahres die unmittelbaren Interessen der reichen Landbesitzer bedrohte.[9] Als einige Zeit später eine Gruppe, die trotz ihrer Vertrautheit mit Jesus immer noch über seine messianische Sendung unsicher war, den Christus selbst fragte, ob er der verheißene Erlöser sei, antworte er:

Geht zurück zu Johannes und berichtet ihm, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen, Gelähmte gehen, Aussätzige werden gesund, Taube hören, Tote werden zum Leben erweckt und den Armen wird die gute Botschaft verkündet. Und sagt ihm weiter: „Gott segnet die, die keinen Anstoß an mir nehmen.“ (Mt 11,3-6)

Wir sehen also, dass Jesus sich selbst als die Erfüllung dieser Erlassjahrverheißungen verstand. Weiter stellen wir fest, dass Lukas das Evangelium mit zwei prophetischen Reden einleitet, die den Dienst Christi beschreiben sollen. In beiden Stellen wird das griechische Wort „lutrosis“ (erlösen, loskaufen) verwendet:

Es steht geschrieben, dass Zacharias bei der Begegnung mit dem neugeborenen Jesus freudig prophezeite: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels, denn er ist zu seinem Volk gekommen und hat es erlöst.“ (Lk 1,68)

Und von der Prophetin Hanna wird berichtet:

„Allen, die auf die verheißene Erlösung Israels warteten, erzählte sie von Jesus.“ (Lk 2,38b)

Das griechische Wort „lutron“, von dem sich unser Verb ableitet, ist das Lösegeld für einen Kriegsgefangenen, Sklaven oder stammt aus einer Bürgschaft. Ein Jude der damaligen Zeit hatte dabei vor allem die Erwartung der Erlösung von der Herrschaft der heidnischen Völker vor Augen, die nach seiner Vorstellung in der messianischen Ära zum Erlassjahr Wirklichkeit werden würde. Gerhart Kittel stellt fest: „Den für das NT entscheidenden Begriff der ,ERLÖSUNG VON DEN SÜNDEN‘ kennt das Judentum nicht!“[10] Die Menschen zur Zeit Jesu verstanden unter Erlösung – neben der bereits erwähnten Befreiung von unterdrückenden heidnischen Herrschern – die Errettung aus Schulden, Knechtschaft und Sklaverei! Es ist schon erstaunlich, wie vor allem Lukas sein Evangelium mit der Erwartung des Erlassjahres einleitet. Heute scheinen Christen in das andere Extrem zu verfallen, indem sie das Erlassjahr Christi auf die zweifellos wichtige, aber einseitig betonte Befreiung von geistlicher Sünde reduzieren. Das Verständnis und die Erwartung von der messianischen Befreiung ging im Judentum und in der Urkirche aber weit über das heutige christliche Verständnis hinaus! Auch die Qumrangemeinde, eine zeitgenössische gewichtige religiöse Splittergruppe, erwartete vor dem Hintergrund von 3Mo 25 und Jes 61 das eschatologische Erlassjahr im Sinne einer umfassenden Befreiung durch den Messias.[11] Und tatsächlich: Unser Meister hat ein ganzheitliches Interesse an Menschen. Ihnen ausschließlich in ihrer geistlichen Not zu begegnen und sie bezüglich ihrer natürlichen Nöte und Sorgen auf den Himmel zu vertrösten war uns ist Jesus selbst fremd! Für beides ist er in diese Welt gekommen, für beide Bedürfnisse möchte er seine Kirche sensibilisieren, für die geistlichen und die natürlichen Nöte und in beiden Fällen möchte er Befreiung schenken! Jesus erzählt in Mt 18,22-35 ein Gleichnis, in dem er von der Gnade eines Schuldenschnitts spricht. Ein König erließ einem Diener die unglaubliche Summe von 6.000 Denaren, wobei ein Denar einem Tageslohn entsprach! Nachdem der Diener diese unglaubliche Gnade empfangen hatte, ließ dieser allerdings einen anderen, der ihm die winzige Summe von 100 Denaren schuldete, ins Gefängnis werfen. Als diese unbarmherzige Haltung dem König zu Ohren kam, ließ er seinen Diener zu sich kommen und sprach:

Du herzloser Diener! Ich habe dir deine großen Schulden erlassen, weil du mich darum gebeten hast. Müsstest du da nicht auch mit diesem Diener Mitleid haben, so wie ich Mitleid mit dir hatte?

Weiter heißt es dann in dem Text:

Der König war so zornig, dass er den Mann ins Gefängnis werfen ließ, bis er seine Schulden bis auf den letzten Pfennig bezahlt hatte. Genauso wird mein Vater im Himmel mit euch verfahren, wenn ihr euch weigert, euren Brüdern und Schwestern zu vergeben. (Mt 18,32-35)

 Anhand dieses Beispiels sehen wir, wie ganzheitlich Christus das Erlassjahr verstand. Es ging ihm immer um Vergebung von sowohl geistlichen als auch materiellen Schulden. Vor allem in den Texten des Lukasevangeliums erinnern viele Zitate Jesu an das Erlassjahr aus 3Mo 25 und Jes 61:

Macht euch keine Gedanken über eure Nahrung was ihr essen oder trinken sollt. Macht euch keine Gedanken darüber, ob Gott euch damit versorgen wird …. Verkauft, was ihr habt, und gebt es den Bedürftigen. Auf diese Weise sammelt ihr euch Schätze im Himmel! Und die Geldbörsen des Himmels haben keine Löcher. Dort ist euer Schatz sicher kein Dieb kann ihn stehlen und keine Motte ihn zerfressen. Wo immer euer Reichtum ist, da wird auch euer Herz sein. (Lk 12,29-34)

Unser Herr scheint die Angst (im jetzt anbrechenden Erlassjahr) nicht versorgt zu werden, direkt aus 3Mo 25 abzuleiten:

Aber vielleicht fragt ihr euch ja: »Was sollen wir im siebten Jahr essen, wenn wir nichts säen und keine Ernte einbringen dürfen?« Dann sollt ihr wissen: »Im sechsten Jahr werde ich das Land euretwegen segnen, sodass der Ertrag, den es abwirft, euch für drei Jahre ausreicht …. (3Mo 25,20f)

 Alleine in den Kapiteln vier bis neun des Lukasevangeliums geht es in 20 Prozent der Verse um Geld und Besitz „… sehr oft im Sinne des rechten Umgangs damit, der sich praktisch ausschließlich in der Armenfürsorge zeigt.“[12]

Pfingsten und das Erlassjahr

An keinem anderen Ereignis wird der ganzheitliche Ansatz für den Erlass (sowohl bzgl. geistlicher als auch materieller Not) so deutlich wie zum Pfingstfest. Das Fest ist der Geburtstag der christlichen Kirche, das Erbgut aller Frommen!

Pfingsten und das Erlassjahr

Pfingsten hat mehrere wichtige Bedeutungen, die wir in diesem Zusammenhang kurz anreißen wollen: Es wurde zum Einen als „Fest der Ernte, der Erstlinge deiner Früchte“ bezeichnet. Das Wort Pfingsten bedeutet wörtlich „der fünfzigste (Tag)“. Der fünfzigste Tag sollte die Juden einmal im Jahr an nichts Geringeres erinnern, als an das fünfzigste Jahr, das verheißende Erlassjahr. Pfingsten – oder der fünfzigste Tag – war der Jubeltag, so wie das fünfzigste Jahr als Jubeljahr gefeiert wurde. Darüber hinaus stellte es das Fest der Thora dar, denn Gott hatte Israel 50 Tage nach der Überquerung des Roten Meeres die Zehn Gebote gegeben. Pfingsten ist das Fest, an dem Gott seine Gebote nicht nur auf steinerne Tafeln, sondern in menschliche Herzen schreiben möchte, ein Fest der Erwartung auf Befreiung, ein Fest des Gedenkens an das Erlassjahr. Die Apostelgeschichte, die uns von dem Geburtstag der Kirche berichtet, ist gewissermaßen die Fortsetzung des Lukasevangeliums. Beide Bücher sind von Lukas verfasst worden und wollen als Doppelwerk verstanden werden. Verkündigte Christus, dass der Heilige Geist auf ihm ruhe, um das Anbrechen des Erlassjahres zu verkünden, so wurde jetzt der Heilige Geist auf seine Kirche ausgegossen, um das Erlassjahr umzusetzen.

Die Gläubigen waren ein Herz und eine Seele; sie betrachteten ihren Besitz nicht als ihr persönliches Eigentum und teilten alles, was sie hatten, miteinander. Die Apostel bezeugten eindrucksvoll die Auferstehung von Jesus Christus, und mit ihnen war die große Gnade Gottes. Armut gab es bei ihnen nicht, weil die Leute, die Land oder Häuser besaßen, etwas von ihrem Besitz verkauften und das Geld den Aposteln brachten, damit sie es an die Bedürftigen verteilen konnten. Ein Beispiel dafür war Josef, den die Apostel Barnabas nannten (das bedeutet »Sohn des Trostes«). Er gehörte zum Stamm Levi und kam ursprünglich von der Insel Zypern. Josef verkaufte einen Acker, den er besaß, und brachte den Aposteln das Geld als Hilfe für die Bedürftigen. (Apg 4,32-37)

 Die Gläubigen erlebten nach der Predigt des Petrus Befreiung von ihren geistlichen Nöten und Sünden, sowie von ihren natürlichen Bedrängnissen und Sorgen. Das Erlassjahr wurde praktisch! Seine Umsetzung führte nicht zu einer Auflösung von Besitz, wie sie in totalitären Staaten teilweise durch Enteignung erzwungen wurde, sondern: „die Gläubigen waren ein Herz und eine Seele; sie betrachteten ihren Besitz nicht als ihr persönliches Eigentum und teilten alles ….“ Christus hat nichts gegen Besitz, aber dieser verpflichtet! Er möchte durch seinen Geist Menschen dazu befreien, selbigen zu teilen und nicht als persönliches Eigentum zu betrachten! Wie weit scheint die Kirche von heute doch von diesem Ideal entfernt zu sein! Jedenfalls war diese freiwillige Güterteilung unter den Gläubigen in den ersten drei bis vier Jahrhunderten offenbar selbstverständlich, wie aus den auffordernden Worten des Kirchenvater Klemens von Rom hervorgeht:

„Der Starke sorge für den Schwachen, und der Schwache kümmere sich um den Starken; der Reiche unterstütze den Armen, der Arme aber danke Gott dafür, dass er jenem gegeben, wodurch seinem Mangel abgeholfen werde.“[13]

 Auch der Kirchenvater Tertullian zeugt von einem radikalen Lebensstil unter den ersten Christen:

Denn niemand wird dazu genötigt, sondern jeder gibt freiwillig seinen Beitrag. Das sind gleichsam die Sparpfennige der Gottseligkeit. Denn es wird nichts davon für Schmausereien und Trinkgelage oder nutzlose Freßwirtschaften ausgegeben, sondern zum Unterhalt und Begräbnis von Armen, von elternlosen Kindern ohne Vermögen, auch für bejahrte, bereits arbeitsunfähige Hausgenossen, ebenso für Schiffbrüchige, […]. Aber sogar die Ausübung dieser hohen Art von Liebe drückt uns bei gewissen Leuten einen Makel auf. „Siehe“, sagen sie, „wie sie sich untereinander lieben […].“[14]

Tertullian führt weiter aus:

„Und so haben wir, die wir nach Geist und Seele innigst verbunden sind, keine Bedenklichkeit hinsichtlich der Mitteilung unserer Habe, Alles ist bei uns gemeinschaftlich, nur nicht die Weiber.“[15]

„Denn wer Vermögen und Gold und Silber und Häuser als Gottes Gaben besitzt und Gott, der es gegeben hat, damit zum Wohl der Menschen dient und sich dessen bewußt ist, […] nicht ein Sklave seines Besitzes ist und ihn nicht in seinem Herzen trägt und ihn nicht zum Ziel und Inhalt seines Lebens macht, sondern immer auch ein edles und göttliches Werk zu vollbringen sucht und fähig ist […]: wer alle diese Eigenschaften hat, der wird von dem Herrn selig gepriesen und arm im Geiste genannt, würdig, ein Erbe des Himmelreiches zu werden, nicht ein Reicher, der das (ewige) Leben nicht gewinnen kann.“ (Kirchenvater Clemens von Alexandrien um 200 n.Chr.)[16]

„Deswegen hat der Herr … statt des Zehnten die Verteilung der gesamten Habe unter die Armen geboten und befohlen, nicht nur den Nächsten, sondern auch die Feinde zu lieben, nicht nur gute Geber und Verteiler zu sein, sondern freiwillige Geber gegen die, welche uns das Unsrige nehmen.“ (Kirchenvater Irenäus um 200nChr)[17]

Um das Jahr 250 n. Chr. versorgte die Gemeinde in Rom 1500 bedürftige Menschen. Der Neutestamentler Martin Hengel schreibt, dass diese Art der gegenseitigen Hilfe im späten römischen Imperium einmalig war. Dass dieser verwandelte Lebensstil einen mächtigen Eindruck auf Außenstehende machte, wird deutlich an dem neidvollen Kommentar eines heidnischen Herrschers. Während seiner kurzen Regierungszeit (361-363 n. Chr.) versuchte Julian Apostata, das Christentum auszurotten. Aber er musste einem Mitheiden gegenüber zugeben, „dass die gottlosen Galiläer (Christen) außer ihren Armen auch noch die unsrigen ernähren“. Ärgerlich musste er feststellen, dass der Heidenkult, den er versucht hatte wieder zu beleben, an der Aufgabe, den Armen zu helfen, erbärmlich gescheitert war.[18]

Bis ins zwölfte Jahrhundert versuchte die Kirche der Überschuldung durch Predigtfeldzüge zu wehren, bei denen Bettelmönche von Stadt zu Stadt und von Ort zu Ort gingen und gegen Wucherer auftraten. Gläubigern drohte die Exkommunizierung. Sie durften keine Sakramente mehr empfangen und auch nicht in geweihter Erde beerdigt werden.[19] Man mag dies naiv nennen, aber ich träume heute von einer ähnlichen Predigtoffensive der Kirche in der westlichen Welt: Erlasst den Armen die Schulden! Mit welchem Recht knechten und sanktionieren sogenannte ,reiche Nationen‘ vermeintlich finanzschwächere Länder, weil diese ihre Rückstände nicht bezahlen können, während dieselben, angeblich wohlhabenden Nationen gleichzeitig meist noch viel mehr in den roten Zahlen sind? Zum Vergleich: Das ,arme‘ Griechenland war 2011 mit 349 Milliarden Euro, aber die ,reichen‘ USA mit unglaublichen 12.563 Milliarden Euro verschuldet. Natürlich wird die Schuldenlast immer auch durch die Wirtschaftsleistung des Landes relativiert,[20] aber moralisch wirklich überlegen sind die sogenannten ,reichen Länder‘ allesamt selber nicht. Unsere Arroganz und Hartherzigkeit den ersten Schuldenopfern gegenüber wird sich rächen: Auch wir werden eines Tages einen Schuldenschnitt brauchen!

Das „Vaterunser“

Wir kennen alle das Vaterunser, das bei genauerer Betrachtung auch Spuren vom Erlassgebot enthält. Es ist weltweit eines der am meisten gesprochenen Gebete, doch vermutlich auch eine der leersten Versprechungen der Betenden. Die Lutherbibel 1545 übersetzt: „… vergib uns unsere Schulden, wie wir unsern Schuldigern vergeben.“ Es ist sicherlich so, dass sich die deutsche Sprache stark verändert hat und das Wort Schuld mehrdeutig ist – sprich sowohl geistliche als auch materielle Schulden mit einschließt. Aber eben diese Doppeldeutigkeit scheint heute für viele Fromme abhanden gekommen zu sein: man verengt die befreienden Segnungen des Erlassjahres auf die geistliche Schuld, sprich die Vergebung von Sünde. Wir haben bereits festgestellt, dass vor allem Lukas den Dienst Christi mit dem Jubeljahr in Verbindung brachte. Auffällig ist in diesem Zusammenhang seine Wiedergabe des Vaterunseres, denn vor allem der folgende Vers enthält eine interessante Variante: „Und vergib uns unsere Sünden, denn auch wir vergeben jedem, der uns etwas schuldig ist ….“ (SCH; Lk 11,4a) Lukas deutet wie kein anderer der Evangelisten die Sündenvergebung Gottes als Aufruf und Begründung zum allgemeinen Schuldenerlass. Im Griechischen heißt es: vergib uns unsere Sünden (hamartia), wie wir erlassen (aphiomen) die Schulden (opheilo). Um die Brisanz dieser Stelle zu begreifen, ist es wichtig zu wissen, dass Lukas dieses Wort Schulden (opheilo) auch an anderen Stellen (Lk 7,41f und 16,7) verwendet und hier ausdrücklich von materiellen Schulden spricht.[21] David Graeber, Autor des Buches „Schulden – Die ersten 5000 Jahre“ sagte einmal in einem Interview: „Es heißt, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Aber das ist natürlich offensichtlich ein Trick, weil wir unseren Schuldnern niemals vergeben.“[22] Konsequenterweise dürfte also niemand, der gegen einen Schuldenerlass ist, das Vaterunser beten! Wie viele Politiker gebärden sich zwar fromm, erfüllen aber gleichzeitig ihre eigenen, im Vaterunser formulierten Versprechen vor Gott nicht? Dieser logische Zusammenhang zwischen Sündenvergebung und Schuldenerlass durchzieht das lukanische Doppelwerk wie ein roter Faden:[23]

Darauf erzählte Jesus: Ein Mann lieh zwei Leuten Geld – dem einen fünfhundert Denare und dem anderen fünfzig. Als keiner der beiden ihm das Geld zurückzahlen konnte, erließ er ihnen ihre Schulden. Wer von den beiden liebte ihn danach wohl mehr? (Lk 7,41f)

Klar wird die enge Verknüpfung im weiteren Verlauf dieses Textes: Jesus erklärt dem Petrus am Beispiel der Sünderin, die seine Füße salbte, dass ein Mensch, dem Gott seine Sünden vergeben hat, dazu befreit wird, seinem Nächsten auch praktisch zu dienen. Was ist schiefgegangen in der Kirchengeschichte? Wenn es stimmt, dass der Geist des Herrn auf der Gemeinde Jesu ist, warum verkündigt sie dann keine gute Botschaft unter den Armen, befreit keine Gefangenen, öffnet keine blinden Augen und ruft kein neues Erlassjahr aus (Lk 4,18-21)? Der Messias selbst hat den Frommen versprochen, dass alles, was sie auf Erden erlassen würden, auch im Himmel erlassen wäre (Mt 18,18). Der Schlüssel zu diesem radikalen Lebensstil ist Einheit und eine neue Pfingsterfahrung, die ich den Frommen von Herzen wünsche. Ich glaube, die Kirche braucht eine frische Ausgießung des Heiligen Geistes, eine Austreibung des materialistischen Geistes Namens Mammon, der seine Kirche reitet – so dass eine Renaissance des Erlassjahres möglich wird. Liebe Kirche: Erwache und verändere das Gesicht dieser Welt noch einmal; wenn du es nicht tust, dann, befürchte ich, wird es ein anderer tun!


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[1] Eine Organisation, die sich für die Einhaltung der Millenniumsziele stark macht. [2] David Graeber; „Schulden: Die ersten 5000 Jahre“; Klett-Cotta; 1., Aufl. 2012 Seite 10 [3] Siehe auch das Kapitel „Fremdenfeindlichkeit ist unbiblisch“ [4] Die Zahlenangaben beziehen sich auf das Bruttoinlandprodukt im Jahr 2011. [5] Deutscher Katholikentag Mannheim 2012 e.V. „Erlassjahr, kein Mittel gegen Schuldenkrise“ URL: URL: https://www.katholikentag.de/aktuell_2012/politik_und_gesellschaft/freitag/politik_wirtschaft_schuldenstaat.html (Stand: 2012) [6] Neh 10, 32; 1. Makk 6, 49. 53 [7] David Graeber; „Schulden: Die ersten 5000 Jahre“; Klett-Cotta; Auflage: 1., Aufl. 2012 [8] K. Tan, Das Erlassjahr-Evangelium: Ein Unternehmer entdeckt Gottes Gerechtigkeit (Neufeldt Verlag, 2011). [9] André Trocmé, Jeshua and the Nonviolent Revolution (The Plough Publishing House: 2011) Seite 14.  [10] Kittel, Gerhard; „Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament“ Band L-N; Stuttgart 1966; Seite 352 [11] „…[And it will be proclaimed at] the end of days concerning the captives as [He said, To proclaim liberty to the captives (Isa. 61.l). Its interpretation is that He] will assign them to the Sons of Heaven and to the inheritance of Melchizedek; f[or He will cast] their 5 [lot] amid the po[rtions of Melchize]dek, who will return them there and will proclaim to them will proclaim to them liberty, forgiving them [the wrong-doings] of all their iniquities. And the Day of Atonement is the e[nd of the] tenth [Ju]bilee, when all the Sons of [Light] and the men of the lot of Mel[chi]zedek will be atoned for. [And] a statute concerns them [to prov]ide them with their rewards. For this is the moment of the Year of Grace for Melchizedek. [And h]e will, by his strength, judge the holy ones of God, executing judgement as it is written concerning him in the Songs of David, who said, ELOHIM has taken his place in the divine council; in the midst of the gods he holds judgement [Ps 82:1]. … And Melchizedek will avenge the vengeance of the judgements of God… and he will drag [them from the hand of] Belial” Quelle: The complete Dead Sea scrolls in English Géza Vermès 1997; 11QMelch [12] Stefan Hochstrasser; Armut aus biblischer Sicht; STOP ARMUT 2015, August 2006 [13] Kirchenvater Clemes von Rom um 100 n. Chr., zitiert nach Die apostolischen Kirchenväter. Aus dem Griechischen übersetzt von Dr. Franz Zeller. Oberpräzeptor in Riedlingen (Wttbg), Seite 50 (Kapitel 38, 2) [14] Kirchenvater Tertullian um 200 n. Chr., zitiert nach „APOLOGETIKUM ODER VERTEIDIGUNG DER CHRISTLICHEN RELIGION UND IHRER ANHÄNGER.“ Apologetikum 39,1ff Übersetzt von Heinrich Kellner.URL:https://www.tertullian.org/articles/kempten_bkv/bkv24_08_apologeticum.htm  [15] Kirchenvater Tertullian um 200 n. Chr., zitiert nach „APOLOGETIKUM ODER VERTEIDIGUNG DER CHRISTLICHEN RELIGION UND IHRER ANHÄNGER.“ Apologetikum 39,11 Übersetzt von Heinrich Kellner.URL:https://www.tertullian.org/articles/kempten_bkv/bkv24_08_apologeticum.htm  [17] Gegen die Häresien IV, xiv.3 [18] Ronald J. Sider, Der Weg durchs Nadelöhr: Reiche Christen und der Welthunger (Wuppertal: Aussaat Verlag 1978), Seite. 104 siehe auch: Martin Hengel, Eigentum und Reichtum in der frühen Kirche: Aspekte einer frühchristlichen Sozialgeschichte (Stuttgart: Calwer Verlag 1973), Seite 52. [19] David Graeber; „Schulden: Die ersten 5000 Jahre“; Klett-Cotta; Auflage: 1., Aufl. 2012; Seite 16 [20] USA 110 % des BIP – 40.275 Euro pro Kopf; Griechenland 165 % des BIP – 30.928 Euro pro Kopf. [21] Unmittelbar nach dem Vaterunser schließt sich bei Lukas ein Gleichnis über die Bereitschaft zur Großzügigkeit an. In der Auslegung des Gleichnisses verknüpft Lukas schließlich die Willigkeit zu schenken und zu teilen (ähnlich wie in Lk 4,18) mit der Notwendigkeit, mit dem Heiligen Geist erfüllt zu sein. Immer wieder lässt Lukas einen Zusammenhang zwischen geisterfüllten Gläubigen und der Bereitschaft zu geben erkennen. [22] Samira Lazarovic „Der Anarchist und die SchuldenDavid Graeber ruft zum Ablassjahr auf“ URL: https://www.n-tv.de/wirtschaft/David-Graeber-ruft-zum-Ablassjahr-auf-article6372011.html (Stand: 29.5.2012) [23]Ganz ähnlich argumentiert auch Trocome in seinem Buch, wenn er schreibt: „Thus, the Lord’s Prayer is truly jubilean. In this context, Jeshua’ listeners understood it to mean: ,The time has come for God’s people to cancel all the debts that bind the poor because their debts to God have also been cancelled.’ Jeshua was setting up a rigorous equation between practicing the Jubilee and the grace of God.” Quelle: Jeshua and Nonviolent Revolution, S. 28.

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