Der Körper_Ein Bild für die Kirche
Der Leib Christi. Titelbild von pixabay.com

Der Körper – ein Bild für die Kirche

Lesedauer ca. 14 Minuten

Der preußische König Friedrich II., der Große, meinte: »Es heißt, dass wir Könige auf Erden die Ebenbilder Gottes seien. Ich habe mich daraufhin im Spiegel betrachtet. Sehr schmeichelhaft für den lieben Gott ist das nicht.« Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich muss über einen solchen Humor schmunzeln. Ich fi nde diese Selbstironie super, vor allem, wenn wir uns vor Augen halten, dass Bescheidenheit nicht gerade zu den beliebtesten Tugenden eines Königs zählt. Doch kommen wir zu Ernsterem zurück. Über seinen Körper Scherze zu machen, ist das eine, aber ihn gänzlich abzulehnen, ist das andere. In vielen Religionen und Philosophien ist der Körper etwas Negatives. So bezeichnete Platon ihn als »Kerker der Seele«. Die Bibel hingegen spricht nirgendwo schlecht darüber, im Gegenteil!

Eine allgemeine Leibfeindlichkeit ist keine christliche Tugend, sondern eine heidnische Verdrehung der Tatsachen, denn als Gott den Menschen schuf, da bewertete er sein Werk als sehr gut. Der Mensch sollte auch in seiner Leiblichkeit ein geheimnisvolles Gleichnis seines Schöpfers sein:

Nun wollen wir Menschen machen, ein Abbild von uns, das uns ähnlich ist! (1. Mose 1,26).

Körperteile Gottes – das Bild im Alten Testament

Im Alten Testament gibt es eine Fülle bildhafter Sprache, mit der einzelne Körperteile Gottes beschrieben werden. So betete man beispielsweise vor dem Schemel seiner Füße an (vgl. 1. Chronik 28,2; Psalm 99,5; 110,1; 132,7; Jesaja 66,1). Seine Finger (vgl. 2. Mose 31,18; 5. Mose 9,10) schrieben die Zehn Gebote. Jener, der die gute Hand Gottes (vgl. Esra 7,9; 8,18; Nehemia 2,8) über sich wusste, durfte sich glücklich schätzen. Gleichzeitig konnte die Hand Gottes aber auch schwer zu ertragen sein (vgl. Hiob 19,2122) und, und, und. Doch der Gedanke, dass das Volk Gottes auch der Leib Gottes ist, ist dem Alten Testament noch fremd! Es gibt nur eine einzige Stelle, in der Gott für sein Volk Partei ergreift und es zu seinem eigenen Leib zählt:

Augapfel Gottes

Denn so spricht der Herr Zebaoth […]: Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an (Sacharja 2,12; LUT).

Auf dramatische Art und Weise macht Gott in dieser Bildsprache Israel und den Völkern der Umgebung deutlich, dass sein Volk ein sehr sensibler, eigener Teil von ihm ist, den er auf jeden Fall verteidigen und beschützen wird.

Der Leib Christi – das Bild im Neuen Testament

Wenn wir genau hinsehen, werden wir feststellen, dass der Begriff des »neuen Leibes« an verschiedenen Stellen in unterschiedlichen Zusammenhängen gebraucht wird. Ich bin jedoch der Ansicht, dass man aus den folgenden Aussagen mit Recht schließen kann, dass sich die Kirche heute Leib Christi nennen darf. Jesus brachte mit seinem Tod nicht nur den Juden das Heil, sondern allen Völkern dieser Erde. Dass daraus eine gewisse Spannung für das jüdische Volk entstehen und für viele der Heilsegoismus nur schwer zu überwinden sein würde, sah Gott voraus. Doch sollte seine Heilstat keinen neuen Keil zwischen Juden und Heiden treiben und kein Öl ins Feuer dieses alten Streites gießen, sondern, ganz im Gegenteil: beide Gruppen miteinander versöhnen! Jesus schaffte etwas total Neues, eine ganz neue Perspektive:

Die Kirche: kein Platz für Rassismus

Damals wart ihr von Christus getrennt […]. Jetzt aber seid ihr, die ihr einst in der Ferne wart, durch Christus Jesus, nämlich durch sein Blut, in die Nähe gekommen […]. Er vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden) und riss durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder […], um die zwei in seiner Person zu dem einen neuen Menschen zu machen. Er stiftete Frieden und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib. Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet (Epheser 2,1216; EÜ; Hervorhebung durch den Autor).

Gott sieht Juden und Heiden nicht mehr als zwei Gruppen, nein, er sieht sie auch nicht – was an sich auch schon revolutionär wäre – als eine Gruppe. Der Text geht viel weiter: Er sieht alle zusammen von nun an als einen ganz neuen Menschen an, als einen ganz neuen einzelnen Leib! Immer wieder begegnet uns diese Botschaft im Neuen Testament (vgl. Kolosser 3,15; Römer 12,4-5).

Nun haben wir zwar gesehen, dass wir alle ein Leib in Christus sind, nicht aber, dass wir selbst der Leib Christi sind. Doch genau das sagt uns die Bibel ebenfalls. Wir müssen begreifen, dass Jesus sich mit diesem neu vereinten Körper völlig identifi ziert. Er sagte zu seinen Zuhörern:

»Denn ich war hungrig […]; ich war durstig […]; ich war fremd […]; ich war nackt […]; ich war krank […]; ich war im Gefängnis […].« Dann werden die, die den Willen Gottes getan haben, fragen: »Herr, wann sahen wir dich jemals hungrig […]? Oder durstig […]? Wann kamst du als Fremder zu uns […], oder nackt […]? Wann warst du krank oder im Gefängnis […]?« Dann wird der König antworten: »Ich versichere euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan« (Matthäus 25,35-40; Hervorhebung durch den Autor).

Jesus sagt uns, dass der Dienst an dem geistlichen Bruder und der Schwester ein Dienst an ihm selbst ist! Stünde die nächste Aussage nicht in der Bibel, würden wir sie wohl als Blasphemie bezeichnen und ablehnen. Aber auch wenn sie für uns schwer zu ertragen ist und eigentlich unverschämt klingt, müssen wir begreifen, dass genau dies die Perspektive und Wahrnehmung Gottes ist: Wir sind wirklich Leib Christi: Ihr alle seid zusammen der Leib von Christus, und als Einzelne seid ihr Teile an diesem Leib (1. Korinther 12,27; Hervorhebung durch den Autor).

Dies gilt im Positiven für den Dienst am Leib Christi, aber auch in der Identifi zierung Christi mit seinem Leib zu Zeiten der Verfolgung. So fragte Jesus Saulus, als dieser die Christen verfolgte: »Saul, Saul, was verfolgst du mich?« (vgl. Apostelgeschichte 9,4). Diese Aufwertung und völlige Identifi zierung Gottes mit den Seinen beschämt, ermutigt und fordert uns gleichermaßen heraus.

Du bist ein Körperteil!

Der Biologe würde sagen, dass das Ziel eines biologischen Körpers das Leben an sich ist und damit die Weitergabe neuen Lebens durch Vermehrung/Multiplikation. Alle Körperteile, Organe usw. stellen zusammen sicher, dass der Einzelne überleben und neues Leben schaffen kann. Ein gesunder Organismus ist völlig darauf ausgerichtet!

Ich finde, dass dieses Ziel wirklich eine überirdische Dimension hat: Jesu Kirche ist etwas Organisches, Lebendiges und keine tote Institution! Sie ist Träger des wahren und einzigen Lebens und sorgt dafür, dass es erhalten bleibt. Außerdem besteht sie aus einer Gruppe von Menschen, die sich gegenseitig ergänzt und trägt und in der jedes Glied wichtig ist! Und schließlich soll Jesu Kirche wachsen und sich vermehren und nicht dahinvegetieren und sterben!

Das Wunder des Lebens

Wenn wir uns ein gesundes Baby ansehen und den kleinen Menschen einige Jahre in seiner Entwicklung beobachten, dann können wir viele Wunder Gottes beobachten. Anfangs können Säuglinge beispielsweise nur sehr schemenhaft sehen. Auch kommen die Farben erst im Laufe der ersten Monate hinzu. Das Blickfeld von knapp einem Meter dehnt sich im Lauf der Zeit bis zum Horizont aus und darüber hinaus. Aus dem zweidimensionalen Sehen wird dreidimensionales Sehen. Die beiden Augen wachsen und reifen parallel in ihren Aufgaben und lernen sich gegenseitig zu ergänzen. Das Sehvermögen eines gesunden Erwachsenen bringt schließlich eine Vielzahl an Höchstleistungen hervor. Wenn du beispielsweise einmal auf deinen Finger schaust und ihn langsam zu deiner Nasenspitze führst, dann wirst du etwas entdecken, das deine Augen dir im Alltag ganz von alleine aus deinem Sichtfeld schneiden: deine Nase. Fantastisch, wie sehr unsere Augen sich gegenseitig ergänzen – sie können sogar eine Sehschwäche des anderen Auges kompensieren – und zu welchen Höchstleistungen sie imstande sind!

Das Gleiche gilt für das Laufen. Eine Vielzahl von Sinnen ist beteiligt: z.B. der Gleichgewichtssinn und der Sehsinn. Aber auch die Koordination unserer Beine ist eine Höchstleistung unseres Gehirns. In den ersten Lebensjahren muss es sich immer wieder auf unterschiedliche Beinlängen einstellen. Immer wieder schafft es unser Körper, sich an Veränderungen, Wachstumsphasen und kleinere Behinderungen anzupassen, lernt es, Stärken neu auszunutzen und Schwächen zu kompensieren. Was für ein geniales Bild für eine lernende Gemeinde, die ja – wenn sie lebendig ist – auch immer wieder einer Vielzahl von Veränderungen, Wachstumsphasen und Rückschlägen unterworfen ist.

In diesem Bild des Körpers steckt also eine ganze Fülle an Verheißungen für Jesu Kirche, die es neu von uns zu entdecken und beleben gilt. Die Hauptblickrichtungen gehen sowohl nach oben (zum Haupt – Jesus) als auch nach innen (zu den anderen Gliedern – unseren Mitchristen). Auf diesen Blick nach innen wollen wir uns im Folgenden konzentrieren.

Jede Teamarbeit verlangt uns zwei Dinge ab: erstens das Ja zur Aufgabe und zweitens das Ja zur Gruppe! Wir wollen zunächst einmal über das ganz persönliche Ja zur Aufgabe nachdenken. Doch was ist die Aufgabe überhaupt? Wir haben herausgefunden, dass der Biologe an dieser Stelle das Leben an sich nennen würde. Und ja, genau das sollen wir als Leib Christi auch sicherstellen: ein gesundes, geistliches Leben, das sich selbst vermehrt und neues Leben schafft.

Doch die Schwierigkeit liegt darin, als Einzelner ein Ja dazu zu fi nden. »Ich bin, wenn überhaupt, nur ein kleines Glied. Was kann ein winzig kleiner Körperteil wie ich denn schon ausrichten und zum großen Ganzen beitragen?« Nun, wenn dir schon einmal etwas Schweres auf den kleinen Zeh gefallen ist, dann weißt du, wie wichtig selbst die kleinsten Glieder an unserem Körper sind. Unsere Wichtigkeit misst sich nicht nur daran, dass wir, wenn wir nicht funktionieren, den ganzen Körper lahmlegen können! Nein, sie misst sich vor allem auch daran, dass wir, wenn wir unserer Bestimmung folgen und das tun, was Gott von uns verlangt, selbst als die kleinsten (und für manche: unwichtigsten) Glieder wahre Wunder Gottes bewirken können!

Deine Hände sind ein Wunder

Was beispielsweise kann schon ein einzelner kleiner Finger ausrichten? Er funktioniert doch erst richtig gut, wenn er von anderen Fingern ergänzt wird und zur Hand wird, oder nicht? Aber gerade das ist der Punkt. Was für den menschlichen Körper gilt, das gilt auch für den Leib Christi. Doch bedenke, bevor wir uns ergänzen können, muss jeder Einzelne etwas tun.

Am Leib Christi können zudem sogar die kleinsten Finger völlig selbstständig Großes bewirken. So schlug ein einzelner Finger Gottes den Pharao (vgl. 2. Mose 8,15), schrieb die Zehn Gebote (vgl. 2. Mose 31,18; 5. Mose 31,18) und war vollmächtig genug, böse Geister (vgl. Lukas 11,20) auszutreiben! Es braucht die großen und die kleinen, die starken und die schwachen Glieder am Leib Christi, die Ja zu ihrer persönlichen Bestimmung sagen. Die vor uns liegende Arbeit nur den (scheinbar) Großen und Starken zu überlassen, wäre falsch! Manchmal bedarf es vielmehr der zehn kleinen, sensiblen Finger Christi als zweier großer, starker Arme Gottes, um Glauben zu wecken.

Alle Versammlungen der Gläubigen dienen unter anderem auch diesem höheren Ziel: jeden Einzelnen für seinen persönlichen Dienst zu ermutigen und auszurüsten.

Er hat die einen zu Aposteln gemacht, andere zu Propheten, andere zu Evangelisten, wieder andere zu Hirten und Lehrern der Gemeinde. Deren Aufgabe ist es, die Glaubenden zum Dienst bereit zu machen, damit die Gemeinde, der Leib von Christus, aufgebaut wird (Epheser 4,11-12).

Noch einmal: Die Aufgabe geistlicher Leitung in der Kirchengemeinde ist es, jeden Einzelnen in seiner ganz persönlichen Berufung – seinem persönlichen Dienst – dienstbereit zu machen, und die Aufgabe des Einzelnen ist es, Ja zu diesem persönlichen Dienst zu sagen! Jeder soll seine Aufgabe an seinem Platz antreten und darf dort, egal wie groß oder klein, bedeutend oder unbedeutend, öffentlich oder verborgen, alles geben, was er kann.

Hast du ein Ja für deine persönliche Aufgabe in deiner Kirchengemeinde? Kennst du deine Aufgabe überhaupt? Wie fi ndet man sie eigentlich? In dem Wort Aufgabe steckt ganz offensichtlich das Wort Gabe. Und für mich leitet sich die persönliche Aufgabe und Berufung in einer Kirchengemeinde zunächst einmal von den eigenen, persönlichen Gaben ab. Manche verstehen unter geistlicher Berufung so etwas wie eine Stimme Gottes aus dem Himmel, mindestens aber eine offi zielle Einsetzung der Gemeindeleitung. Und das hat durchaus seine Berechtigung, wenn es um Ämter in der Gemeinde geht. Ich fi nde es als Pastor tatsächlich sehr problematisch, wenn sich Menschen selber zu Seelsorgern, Hauskreisleitern, Propheten oder Ähnlichem krönen. Selbstverständlich sollten Dinge mit der Gemeindeleitung abgesprochen und von ihr bestätigt werden. Einer meiner Lehrer am theologischen Seminar pfl egte immer Folgendes zu sagen: »Begabt, bewährt, begehrt und berufen!«

Aber Achtung: Wenn wir über unsere persönliche Aufgabe in der eigenen Kirchengemeinde nachdenken, sollten wir eben nicht gleich an ein Amt, sondern eben in erster Linie an eine Aufgabe denken! Wo gibt es Bereiche, für die sich niemand zuständig fühlt? Was machst du selber berufl ich, was als Hobby? Was kannst du besonders gut und was machst du besonders gerne? Doch Achtung: Das, was man besonders gerne macht, ist nicht immer identisch mit dem, was man besonders gut kann! Wir haben in unserer Kirchengemeinde beispielsweise sehr viele Menschen, die gerne singen, aber als ein meine Gemeinde liebender Pfarrer werde ich mich davor hüten, alle auf die Gemeindeversammlung loszulassen und sie durchs Mikrofon tönen zu lassen. Ich würde in einigen Fällen weder der Gemeinde noch dem Einzelnen eine Freude machen.

Deswegen braucht es mehr als den Wunsch, etwas zu tun. Interesse und tatsächliche Begabung sind leider nicht immer deckungsgleich! Wir neigen in unseren frommen Kreisen dazu, diese Selbstüberschätzung manchmal sogar noch durch ein lieb gemeintes – aber falsches – Feedback zu verstärken. Wir loben Menschen strategisch und grundsätzlich für das, was sie tun, selbst dann, wenn sie es total schlecht tun! Ich meine, dass wir damit weder uns selbst noch dem anderen einen Gefallen tun.

Wenn wir also auf der Suche nach unserer persönlichen Berufung in der eigenen Kirchengemeinde sind, dann ist neben der Frage: Was mache ich gerne?, und der Selbsteinschätzung: Was kann ich gut?, vor allem ein ehrliches Feedback von den anderen Gliedern der Kirchengemeinde nötig.

Auf der anderen Seite gibt es selbstverständlich auch Aufgaben, die keine besondere Qualifi kation, sondern schlicht Treue und Liebe für die Gemeinde vom Einzelnen abverlangen. So braucht es beispielsweise keine besondere Begabung dazu, nach einem Gemeindefest das Geschirr abzuwaschen und aufzuräumen, den einen oder anderen Fahrdienst zu übernehmen, regelmäßig für die Gemeindeleitung zu beten oder einen neuen Gast in der Kirchengemeinde freundlich zu begrüßen.

Ein befreundeter Pfarrer sagte mir einmal sehr provozierend: »Das, was wir selbst tun können, wird Gott niemals für uns übernehmen!« Nun, Gott sei Dank tut Gott das eine oder andere, wozu seine Glieder nicht bereit sind, über Umwege dennoch, aber die Richtung dieses Satzes stimmt! Und wir müssen wirklich damit aufhören, Aufgaben in der Gemeinde in wichtig und unwichtig, in geistlich und weniger geistlich zu unterteilen. Es geht bei allen Aufgaben im Alltag – nach Aussage der Bibel – um nichts Geringeres als um Werke und Herausforderungen, die von Jesus selbst auf uns ganz persönlich zugeschnitten und für uns geschaffen worden sind:

Wir sind ganz und gar Gottes Werk. Durch Jesus Christus hat er uns so geschaffen, dass wir nun Gutes tun können. Er hat sogar unsere guten Taten im Voraus geschaffen, damit sie nun in unserem Leben Wirklichkeit werden (Epheser 2,10).

Wie würde sich unsere Sichtweise und Bewertung einzelner ungeliebter Aufgaben verändern, wenn wir jede von ihnen aus der Hand Jesu nehmen würden?

Wir haben gesagt, dass uns jede Teamarbeit zwei Dinge abverlangt: erstens das Ja zur Aufgabe und zweitens das Ja zur Gruppe! Wir wollen nun über dieses zweite Ja sprechen.

Unser Körper: ein perfektes Zusammenspiel.

Ein Körper besteht nicht aus einem einzigen Teil, sondern aus vielen Teilen. Wenn der Fuß erklärt: »Ich gehöre nicht zum Leib, weil ich nicht die Hand bin« – hört er damit auf, ein Teil des Körpers zu sein? […] Wie könnte ein Mensch hören, wenn er nur aus Augen bestünde? […] Nun aber hat Gott im Körper viele Teile geschaffen und hat jedem Teil seinen Platz zugewiesen, so wie er es gewollt hat. Wenn alles nur ein einzelner Teil wäre, wo bliebe da der Leib? Aber nun gibt es viele Teile, und alle gehören zu dem einen Leib. Das Auge kann nicht zur Hand sagen: »Ich brauche dich nicht!« […] Gerade die Teile des Körpers, die schwächer scheinen, sind besonders wichtig. Die Teile, die als unansehnlich gelten, kleiden wir mit besonderer Sorgfalt und die unanständigen mit besonderem Anstand. Die edleren Teile haben das nicht nötig. Gott hat unseren Körper zu einem Ganzen zusammengefügt und hat dafür gesorgt, dass die geringeren Teile besonders geehrt werden. Denn er wollte, dass es keine Uneinigkeit im Körper gibt, sondern jeder Teil sich um den anderen kümmert. Wenn irgendein Teil des Körpers leidet, leiden alle anderen mit. Und wenn irgendein Teil geehrt wird, freuen sich alle anderen mit. Ihr alle seid zusammen der Leib von Christus, und als Einzelne seid ihr Teile an diesem Leib. So hat Gott in der Gemeinde allen ihre Aufgabe zugewiesen (1. Korinther 12,14-28).


Einfach überirdisch – entdecke was in Deiner Gemeinde steckt

In der Bibel finden sich für die Gemeinde Bilder wie der Tempel, die Familie, die Herde oder der Baum. Aber was bedeuten diese Vergleiche eigentlich? Bild für Bild stellt der Autor dem Leser plastisch vor Augen, was Kirche ist. Und was sie sein kann!

Sonderangebot für Dich 4,95 € statt 12,95 €!


Wir sehen an diesem Text, dass jedes Körperteil, ob wir es nun besonders ansehnlich oder unansehnlich fi nden, seinen Platz am Leib Christi hat und wir jedes Glied ehren sollen! Darüber hinaus hat jeder seine ganz persönliche Aufgabe und Funktion, die wir ehren und respektieren sollen. Das Ohr kann nichts sagen, sondern nur hören; der Mund kann nicht hören, sondern nur Töne von sich geben; die Nase kann nicht gehen, sondern nur riechen, und die Füße nicht riechen (im eigentlichen Sinne), sondern nur gehen oder stehen usw. Der Leib Christi ist auf Ergänzung und Teamarbeit ausgelegt. Das ist etwas, zu dem wir Ja sagen müssen.

Am wichtigsten scheint mir dabei zu sein, dass wir auf unsere innere Haltung achten, denn allzu oft schleichen sich folgende Gedanken ein: Meine Aufgabe und mein Beitrag am Leib sind die wichtigsten überhaupt bzw. ich selbst bin der Wichtigste, Beste und Treuste im Leib Gottes. Oft fangen die aktiven Glieder am Leib Christi sehr schnell und abfällig an, über die – in ihren Augen – faulen und unwichtigen Glieder zu lästern bzw. schlecht über diese zu denken. Doch Stolz ist im Leib Christi völlig unangebracht:

Solche Menschen blähen sich grundlos auf in ihrer rein irdischen Gesinnung, statt sich an Christus zu halten, der doch der Herr über alles ist und das Haupt des Leibes, der Gemeinde. Von ihm her wird der ganze Leib zusammengehalten und versorgt, damit er zur vollen Größe emporwächst, wie es Gott gefällt (Kolosser 2,18-19).

Dieser Text sagt uns, dass wir unsere Aufgabe nur deswegen erfüllen können, weil Christus das Haupt ist und er alles zusammenhält! Sich also über seine Fähigkeiten oder geistlichen »Errungenschaften« aufzublähen, ist nicht nur völlig unangebracht, sondern auch undankbar und raubt dem Ehre, dem Ehre gebührt, nämlich Christus selbst! Ihm sollen wir für das, was wir tun – vielleicht wäre es besser zu sagen: was wir durch ihn tun können –, danken.

Wir haben ganz verschiedene Gaben, so wie Gott sie uns in seiner Gnade zugeteilt hat. Einige sind befähigt, Weisungen für die Gemeinde von Gott zu empfangen […]. Andere sind befähigt, praktische Aufgaben in der Gemeinde zu übernehmen … (Römer 12,6-8).

Das Stichwort lautet: Ergänzung. Nur zusammen mit anderen können wir überleben. Was wäre ein Gottesdienst, in dem es nur eine Lesung gäbe, aber keine Predigt, keine Musik, kein Angebot für die Kinder, keinen sauberen Gemeindesaal, keine funktionierende Technik, keine eingeschaltete Heizung usw. Wenn es bereits eine Fülle an Aufgaben in einer einzigen Veranstaltung wie dem Sonntagsgottesdienst zu erledigen gibt, wie viel mehr dann in einer Gemeinde an sich, die doch so viel mehr ist als ein wöchentliches Treffen? Wer kümmert sich um die Jugend, wer um die Senioren, wer um die Singles, wer um die Kranken, wer um die Leiter, wer pfl egt die Homepage, wer schreibt das Gemeindeprogramm, wer probt mit dem Musikteam, wer bietet Hauskreise an, wer schult wiederum Hauskreisleiter, wer bezahlt die Rechnungen, wer pfl egt den Kontakt zur Stadt, wer bringt die neuen Ideen und, und, und? Manchmal erwartet die Kirchengemeinde all dies von den Angestellten, also den Profi s – meist von niemand anderem als dem Pastor selbst. Jene armen geistlichen Leiter werden dann als Alleskönner betrachtet, die auch für alles herhalten müssen. Wie anders hat es sich doch unser Herr Jesus vorgestellt, und wie anders sieht doch das Zeugnis der Schrift aus! Als ihnen die Arbeit zu viel wurde, ordneten die Apostel beispielsweise an, dass sieben Diakone gewählt wurden, die sich um die Armen kümmerten, damit sie sich selbst dem widmen konnten, wozu sie berufen waren (vgl. Apostelgeschichte 6,2-4).

Jeder sollte das tun dürfen, was er kann, aber jeder sollte auch das tun können, was er kann – ich meine damit, dass wir einander den Rücken auch ganz praktisch freihalten sollten, damit jeder seine persönlichen Gaben und sein Potenzial einsetzen kann!

Noch einmal: Wir brauchen im Leib Christi meiner Meinung nach einen Sinneswandel, was die Bewertung einzelner Aufgaben und Dienste angeht. Wer sagt eigentlich, dass eine Predigt am Sonntag vor erwachsenen Gläubigen wichtiger und mehr wert sei als eine Predigt im Kindergottesdienst vor den Kindern? Wer sagt, dass die Mitarbeit im Musikteam geistlicher ist, als die Kirche am Freitagnachmittag zu putzen? Wir müssen lernen, die Aufgaben aus der Perspektive des Hauptes zu sehen.

Vielleicht werden wir im Himmel eines Tages selbst überrascht sein, wie Jesus uns für unseren persönlichen Einsatz danken und belohnen wird. Ja, vielleicht wird es sogar so sein, dass diejenigen, die doch so von der Einzigartigkeit und Wichtigkeit ihrer Aufgabe überzeugt waren, erleben, dass Jesus den anderen, die scheinbar nur unwichtige oder gar überfl üssige Beiträge geleistet haben, viel dankbarer und großzügiger begegnet!

Warum, frage ich mich, wollen eigentlich immer alle im Musikteam singen – meist auch die, die es nicht können? Warum fi nden sich umgekehrt so wenige, die im Kindergottesdienst oder beim Putzen oder Aufbauen mithelfen? Ist es nicht so, dass wir in diesem Punkt doch oft zu menschlich – die Bibel sagt: zu fl eischlich – denken? Wir sind dazu berufen, Glieder und keine Parasiten am Leib Gottes zu sein!


Einfach überirdisch – entdecke was in Deiner Gemeinde steckt

In der Bibel finden sich für die Gemeinde Bilder wie der Tempel, die Familie, die Herde oder der Baum. Aber was bedeuten diese Vergleiche eigentlich? Bild für Bild stellt der Autor dem Leser plastisch vor Augen, was Kirche ist. Und was sie sein kann!

Sonderangebot für Dich 4,95 € statt 12,95 €!


Doch bei allem dürfen wir das eine nicht vergessen, nämlich die Liebe. Wir sind kein Uhrwerk, keine Maschine, in der jeder gefälligst das zu tun hat, was er kann, sondern Leib Christi! Dass jeder seinen Dienst und seine Aufgabe erfüllt, ist nicht von geistlichen Leitern zu delegieren und zu verordnen. Nein, diese können nur dazu ermutigen, darauf aufmerksam machen und Einzelne zu den Diensten ausrüsten. Dass alles funktioniert und sich perfekt ergänzt, ist nicht der Maßstab für Einheit, sondern die Liebe, also das, was zwischen den Zeilen geschieht – und so gilt auch Folgendes:

Ertragt einander! Seid nicht nachtragend, wenn euch jemand Unrecht getan hat, sondern vergebt einander, so wie der Herr euch vergeben hat. Und über das alles zieht die Liebe an, die alles andere in sich umfasst. Sie ist das Band, das euch zu vollkommener Einheit zusammenschließt. Der Frieden, den Christus schenkt, muss euer ganzes Denken und Tun bestimmen. In diesen Frieden hat Gott euch alle miteinander gerufen; ihr seid ja durch Christus ein Leib (Kolosser 3,13-15; Hervorhebung durch den Autor).

Die Liebe ist das Schmiermittel im geistlichen Getriebe – das ist für viele offensichtlich und logisch –, aber – der Alltag zeigt es uns immer wieder sehr deutlich – es ist nicht selbstverständlich! Den anderen zu lieben ist die wohl am stärksten umkämpfte Aufgabe im Leib Christi. Es gibt viele Gemeinden, die nach außen hin zwar perfekt funktionieren, eingefahrene Abläufe und Handgriffe haben und perfekt eingespielt sind. Aber wehe, etwas verändert sich und einzelne Glieder müssen Aufgaben loslassen oder Arbeitsabläufe anpassen! Immer dann, wenn beispielsweise neue Menschen in solche Gemeinden kommen, gerät die Stabilität ins Wanken, Flexibilität und Veränderungen sind nötig. Streit zwischen den Generationen ist dann meist vorprogrammiert. Wenn es den Gliedern solcher Kirchen am Schmiermittel Liebe fehlt, dann schleifen sich die Zahnräder in den »geistlichen Getrieben« gegenseitig ab und kaputt.

Gebrauchsapparat – kein Schonapparat

Doch kommen wir zu unserer persönlichen Aufgabensuche zurück. Wir haben darüber gesprochen, wie nötig ein ehrliches Feedback ist für das, was wir tun bzw. gerne tun würden. Sicher kann man sagen, dass eine gnadenlose Wahrheit immer noch besser als eine liebevolle Lüge ist, aber darum kann es doch letztlich nicht gehen. Es geht nicht darum, entweder ehrlich und gnadenlos zu sein oder liebevoll, dafür aber auch unehrlich. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Wir können einen ehrlichen und liebevollen Umgang miteinander pfl egen und trainieren. Denken wir beispielsweise an den sogenannten reichen Jüngling. Es heißt hier ausdrücklich im Markusevangelium, dass Jesus sein Gegenüber sowohl lieb hatte als auch, dass er ihm ehrlich den Finger in die Wunde legte und seine materielle Einstellung klar ansprach (vgl. Markus 10,21).

Liebst du die Menschen in deiner Kirchengemeinde? Bist du bereit, um ihretwillen auf das eine oder andere in der Gruppe zu verzichten? Liebst du all jene, über die du dich (vielleicht berechtigterweise) aufregst? Um unser Miteinander wird es auch im nächsten Bild gehen: der Familie.

Bewertung
[Stimmen: 2 Ergebnis: 5]