„Gott hilft denen die sich selber helfen“
Was ist wichtiger: Gebet oder Arbeit? (Titelbild von pixabay.com)

„Gott hilft denen die sich selber helfen“ – oder?

Lesedauer ca. 6 Minuten

Nein, dieser Satz steht so nicht in der Bibel. Es ist kein Vers, sondern ein deutsches Sprichwort. Wie es mit Sprichwörtern so ist ist oft etwas dran, aber manchmal sind sie auch total schräg oder überholt. Viele deutschen Sprichwörter – so auch dieses – sind tatsächlich an biblische.- oder kirchliche Traditionen angelehnt, aber ist dieses Sprichwort theologisch haltbar?

Jüdische Tradition.

Um die jüdische Tradition (die Wurzeln des Christentums) am besten zu verdeutlichen eignet sich in meinen Augen am besten folgende rabbinische, alte Geschichte:

Eine Hochwasserkatastrophe hat einen Mann auf das Dach seines Hauses getrieben. Doch auch dort ist er nicht sicher – das Wasser steigt bedrohlich an. Retter in einem Boot kommen vorbei und wollen ihn mitnehmen. „Nein danke“, antwortet er, „Gott wird mich retten.“ Es wird Nacht, das Wasser steigt weiter, der Mann klettert auf den Schornstein. Wieder kommt ein Boot vorbei, und die Helfer rufen: „Steig ein!“ „Nein, danke, Gott wird mich retten.“ ist die Antwort. Schließlich kommt ein Hubschrauber. Die Besatzung sieht ihn im Scheinwerferlicht, das Wasser reicht ihm bis zum Kinn. „Nehmen Sie die Strickleiter“, ruft einer der Männer. „Nein, danke, Gott wird mich retten.“ sind die letzten Worte des Mannes, denn kurze Zeit später ertrinkt er. Im Himmel beschwert er sich bei Gott: „Mein Leben lang habe ich treu an Dich geglaubt. Warum hast Du mich nicht gerettet?“ Gott sieht ihn erstaunt an: „Ich habe dir zwei Boote und einen Hubschrauber geschickt. Worauf hast du gewartet?“

Tradition der christlichen Mönche

Es gibt hier sicherlich viele Traditionen, ich will nur eine sehr bekannte Tradition – ein Motto der Benediktiner – exemplarisch betrachten. Die Benediktiner  sagten steht`s Ora et labora („bete und arbeite“).[1]  Dieses überlieferte Motto ist aber nur die Kurzfassung von Ora et labora (et lege), Deus adest sine mora („Bete und arbeite (und lies), Gott ist da (oder: Gott hilft) ohne Verzug“).[2]

„Gott hilft denen die sich selber helfen“

„Gott hilft denen die sich selber helfen“

Vor allem die lateinischen Übersetzung des Verbs laborare (Imperativ: labora) hat es in sich: arbeiten, leiden, leiden an, sich anstrengen, in Not sein und sich abmühen.[3] Die Mönche drückten mit ora et labora eine „Spannungseinheit“ aus – „Gebet“ und „harte Arbeit“ gehören zusammen oder anders ausgedrückt „Glaube“ und „Tat“ gehören zusammen!

Was sagt die Bibel zur Bitte um Gotteshilfe und Selbsthilfe?

Vertrauen auf Gott in einer Gesellschaft der Arbeit und Zukunftssorgen

Tatsächlich würden wir Jesus falsch verstehen, wenn wir Teile der Bergpredigt ohne den gesellschaftlichen Zusammenhang von damals interpretieren:

Lernt von den Lilien des Feldes, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott schon das Gras so kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen in den Ofen geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen! Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn nach alldem streben die Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben. Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage. (Matthäus 6,28b-34)

Man könnte zu dem Schluss kommen, dass Jesus selbst seine Nachfolger lehrt die „Hände in den Schoß“ zu legen und alles Gott machen zu lassen. Ja, man könnte sogar zu der irrwitzigen Überzeugung gelangen, dass sich daran wahrer Glaube messen würde.

„Gott hilft denen die sich selber helfen“

„Macht euch also keine Sorge…“

Niemand unter den Sterblichen ist so groß, dass er nicht in ein Gebet eingeschlossen werden könnte. (Bertolt Brecht)

Im Textzusammenhang spricht Jesus aber keine „faulen Leute“ an, sondern überwiegend „arme Tagelöhner“. Die soziale Spaltung war damals weit fortgeschritten. Viele hart arbeitende Arme hörten Jesus in einer Zeit der Angst vor der Zukunft (Römer – Weltuntergangsstimmung) zu. Zu diesen fleißigen, aber möglicherweise hoffnungslosen Menschen, sagt er: „Vertraut auf Gott!“ Dieses Vertrauen war aber ganz bestimmt nicht exklusiv gemeint – arbeiten, vorsorgen musste man nachwievor.

Arbeit als Wille Gottes – Verantwortung

Arbeit ist nach biblischen Zeugnis kein Überbleibsel vom Sündenfall, sondern war von Anfang an  Wille Gottes und ein Segen, ja Gott selbst war der erste Arbeitgeber der Adam „Gartenarbeit“ verordnete.[4] Dieser Gedanke zieht sich durch die ganze Bibel – Arbeit (auch harte Arbeit) ist eine Gabe Gottes:

Wenn er zu essen und zu trinken hat und sich über die Früchte seiner Arbeit freuen kann, ist das Gottes Geschenk. (Prediger 3,13)

Stichwort „Faulheit“; alleine die Sprüchesammlung der Bibel ist eine wahre Fundgrube und zeigt wie hoch der Wert von harter Arbeit in der Bibel als Gabe Gottes war:

Klug ist, wer im Sommer einen Vorrat anlegt. Wer dagegen die Erntezeit verschläft, bringt sich zu Recht in Verruf. Ein Mensch, der Gott gehorcht, empfängt seinen Segen. (Sprüche 10,5f)

Wer das vertiefen möchte, der darf sich gerne noch ein wenig tiefer in die Sprüche einlesen: 13,4; 15,19; 18,9; 21,25f; 24,30-34 und 26,12-16. Ich möchte erwähnen, dass nicht nur das Thema harte Arbeit auf der einen Seite, sondern auch das Thema gerechter Lohn auf der anderen Seite ein roter Faden der Bibel ist – aber das ist ein anderes Thema zu dem ich an anderer Stelle schon viel geschrieben habe.

„Gott hilft denen die sich selber helfen“

„Was ist wichtiger Gottvertrauen oder harte Arbeit?“

Das Neue Testament sagt:

Wer bisher von Diebstahl lebte, der soll sich jetzt eine ehrliche Arbeit suchen, damit er auch noch Notleidenden helfen kann. (Epheser 4,28)

Ja, die Ethik der Hilfe für Bedürftigen ging sogar noch weiter. Paulus sagte, dass jemand der sich auf die Solidargemeinschaft der Kirche und Gott verlässt aber selber „faul“ sei,  nix zu essen bekommen solle (vgl. 2. Thessalonicher 3, 10-13). Paulus sagte den Gläubigen in der griechischen Stadt:

Liebe Brüder und Schwestern! Im Namen unseres Herrn Jesus Christus fordern wir euch auf: Meidet den Umgang mit allen in der Gemeinde, die ihre Arbeit vernachlässigen und nicht so leben, wie wir es euch gelehrt und aufgetragen haben. Ihr wisst ja selbst, dass ihr auch darin unserem Beispiel folgen sollt. Denn wir haben uns nicht vor der Arbeit gedrückt, als wir bei euch waren. Oder haben wir jemals auf Kosten anderer gelebt? Im Gegenteil: Tag und Nacht haben wir gearbeitet und uns abgemüht, um niemandem von euch zur Last zu fallen. (2. Thessalonicher 3, 6-8)

Ich denke es wird deutlich wo das Motto Ora et labora der alten Benediktiner seinen Ursprung hat: es ist die Zusammenfassung einer zutiefst biblischen Arbeitsethik.

„Gott hilft denen die sich selber helfen“

„Gott hilft denen die sich selber helfen“

Ja, Jesus zitierte sogar in der Versuchungsgeschichte folgenden alttestamentlichen Vers und macht dadurch deutlich, dass auch er nicht einfach bei Gott durch ein glaubensvolles Gebet Steine in Brot verwandeln dürfe: „Du sollst Deinen Herrn Deinen Gott nicht versuchen…“. (5. Mose 6,16)

„[…] Gott versuchen bedeutet »auszuprobieren, mit wieviel man noch davonkommt, bevor der Herr es bestraft; es bedeutet, Ihn auszunutzen, zu sehen, ob Er Sein Wort auch wahrmacht, oder die Grenzen Seines Gerichtes auszuweiten.« (S. dazu 5. Mose 6,16 und Matthäus 4,7.) […].“[5]

Man kann also Gott „versuchen“, wenn man „nur“ betet, aber das eigene Tun und Verantwortung vernachlässigt.

Gott hilft denen die die Hände falten und mit Arbeit schmutzig machen.

Ich will es mal so sagen: Gefaltete Hände dürfen keine Angst davor haben sich mit harter Arbeit die Hände schmutzig zu machen. Probleme werden in christlicher Tradition auf den Knien (Gebet) und mit hochgekrempelten Ärmeln (Arbeit) vor Gott richtig angegangen.

  • Dein Geschäft läuft nicht richtig und Du betest, dass Gott Dir hilft? Du tust gut daran viel zu beten und auf Gott zu vertrauen, aber Du musst auch Deine Ärmel hochkrempeln und hart dafür arbeiten.
  • Deine Beziehung läuft nicht gut und Du betest verzweifelt um Hilfe? Du tust gut daran viel zu beten und auf Gott zu vertrauen, aber Du musst auch Deine Ärmel hochkrempeln und hart dafür arbeiten.
  • usw.

Schließen möchte ich diesen Artikel mit einem guten alten Lutherzitat, das mit viel besser gefällt, als das alte Sprichwort aus dem Titel:

Bete, als ob alles Arbeiten nichts nützt und arbeite, als ob alles Beten nichts nützt. (Martin Luther)


[1] Brockhaus multimedial premium 2007, Artikel: Mönchtum im Abendland: Bete und arbeite [2] imperiumromanum.com Sentenzen – abgerufen am 13.01.2018 [3] albertmartin.de Übersetzung des Verbs laborare – abgerufen am 13.01.2018 [4] 1. Mo 2,15 [5] Artikel: „»Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.« Matthäus 4,7“ von jesus.ch.

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