Der Mindestlohn aus biblischer Sicht.
Mindestlohn in der Bibel? Titelbild von pixabay.com

Der Mindestlohn aus der Sicht der Bibel

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Das im Neuen Testament verwendete griechische Wort DIKAIOSYNE leitet sich von der Göttertochter DIKE ab. Sie meldete eine von ihr entdeckte Kränkung des Rechts und forderte eine Bestrafung von Zeus für selbige ein. Neben ihr gilt Justicia in der Mythologie als das personifizierte Recht. Gerechtigkeit und Gott stehen also seit je her in vielen Kulturen und Religionen in einem wichtigen religiösem Verhältnis. In dem deutschen Wort Gerechtigkeit, steckt das Wort RECHT. Gerechtigkeit könnte man also allgemein auch mit Rechtssicherheit übersetzen. Neben den nationalen Gesetzen sind die „UN-Menschenrechte“ eine gute Richtschnur, um Länder nach diesem Kriterium zu beurteilen. Wenn die Bibel das Gegenteil von Gerechtigkeit „gottloses Treiben“ nennt (Ps 45,8), dann wird klar, dass dies kein Thema für politische Fantasten, sondern für jeden Christ ist.

An über 2000 Stellen der Bibel greift die Bibel dies Thema auf (Versorgung und Rechtssicherheit von Armen, Witwen, Waisen, Ausländern, Schuldenschnitt usw.). Selbstverständlich kennt die Bibel auch eine geistliche Gerechtigkeit Gottes, die uns Christen durch Jesus zugesprochen wird. Aber die Gerechtigkeit Gottes darauf zu reduzieren, wäre einseitig und falsch, im Gegenteil: Erfahrene Gerechtigkeit von Gott sollte uns zu Täten selbiger – auch im ganz normalen Alltag – machen, denn Gott „liebt Gerechtigkeit und Recht“ (Ps 33,5). Ein Gottesdienst, in dem zwar am Sonntag ein sehr geistliches Programm gefahren wird, aber unter der Woche das Recht der Schwachen gebrochen oder nur gebeugt wird, ist Lärmbelästigung im Himmel:

„Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ (Jes 58,6f)

Am Beispiel Mindestlohn will ich aufzeigen, wie hier für uns Gerechtigkeit aussehen kann.[1] Im Artikel 23 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es unter anderen: „[…] jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen […].“ Aber dies ist keine rein humanistische Forderung. Auch Jesus selbst gibt uns in seinem Weinbergsgleichnis einen spannenden Hinweis, den wir auch in diesem Lichte neu verstehen und berücksichtigen müssen:

[…] Als die, die erst um fünf Uhr eingestellt worden waren, bezahlt wurden, erhielten sie alle einen vollen Tagelohn. Als die, die früher eingestellt worden waren, an der Reihe waren, dachten sie, dass sie mehr bekommen würden. Aber auch sie erhielten einen Tagelohn […]“ (Mt 20,1-14).

Die Klage der Arbeiter, die im Gegensatz zu den anderen Arbeitern den ganzen Tag für ihr Geld gearbeitet hatten, scheint auf den ersten Blick verständlich, denn schließlich haben diese doch viel mehr gearbeitet. Die Übersetzung „Tageslohn“ ist ein wenig unglücklich. Im Grundtext heißt es hier dänarion (Denar od. Silbergroschen). Ein Denar war damals der Betrag, den eine Familie mit Kindern mindestens brauchte, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Der gottesfürchtige Besitzer des Weinguts – wenn wir so wollen der Chef einer Firma oder Arbeitgeber im Allgemeinen – konnte gar nicht anders, als auch den übrigen Angestellten das Minimumauskommen – den Mindestlohn – zu zahlen.

Alles andere hätte gegen guten frommen Anstand und Sitte verstoßen! „Unternehmen, deren Existenz lediglich davon abhängt, ihren Beschäftigten weniger als einen zum Leben ausreichenden Lohn zu zahlen, sollen in diesem Land kein Recht mehr haben, weiter ihre Geschäfte zu betreiben.“ Dieses Zitat stammt nicht etwa von einem linken Träumer, sondern von Franklin D. Roosevelt, einem frommen Präsidenten einer Nation mit einem kapitalistischen Selbstverständnis. Auch in der katholischen Soziallehre kennen wir derartige Äußerungen z. B. von Papst Leo XIII.: „[…] so bleibt dennoch eine Forderung der natürlichen Gerechtigkeit bestehen – die nämlich, dass der Lohn nicht etwa so niedrig sei, dass er einem genügsamen, rechtschaffenen Arbeiter den Lebensunterhalt nicht abwirft. Diese schwerwiegende Forderung ist unabhängig von dem freien Willen der Vereinbarenden […].“ [2]

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Von seinem Gehalt muss man leben können!

Unabhängig der persönlichen politischen Colour sollten sich Christen dafür einsetzen, dass jemand, der 40 Stunden in der Woche arbeitet, damit auch seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Im Lichte des Weinbergsgleichnisses behaupte ich sogar: Weniger, als das zum Leben nötige Minium zu zahlen, ist unchristlich! Der aktuelle Armutsbericht der Bundesregierung bescheinigt uns eine finanzielle Umverteilung von unten nach oben – sprich die unteren Einkommen sinken und das eingesparte Geld füllt die Taschen der oberen Schichten. Ein Zustand, der uns auch als Gläubige beunruhigen sollte. Reichtum, der auf Ausbeutung aufgebaut ist, wird von der Bibel ungerechter Mammon genannt und mit sehr scharfen Worten angeprangert:

Es soll dem schlimm ergehen, der einen Palast baut mit schönen Obergemächern. Aber das Haus ist auf Ungerechtigkeit gebaut und auf Unrecht gegründet. Die Arbeiter werden ausgebeutet, indem sie gezwungen werden, unentgeltlich zu arbeiten, oder weil man ihnen nicht den vereinbarten Lohn zahlt.“ (Jer 22,13)

„Und ich werde kommen, um euch zu richten. Ich werde als Zeuge gegen die […] auftreten und gegen diejenigen, die Arbeiter um ihren Lohn bringen und die Witwen, Waisen und Ausländer unterdrücken, denn sie haben keinen Respekt vor mir«, spricht der allmächtige Herr.“ (Mal 3,5)

Ich meine: Hier haben wir in der freikirchlichen Tradition – in der Verkündigung auf der Kanzel, den politischen Forderungen, aber auch in der Vergütung unserer Angestellter – einiges nachzuholen. Dass Hungerlöhne hier und da in kirchlichen Einrichtungen mit dem Kirchenrecht geschützt sind und Angestellten darüber hinaus sogar das Streikrecht verwehrt wird, ist ein Skandal! Die Bibel fordert eindeutig dazu auf, kirchliche Tätigkeiten vernünftig zu bezahlen:

„Einem Rind, das zum Dreschen eingespannt wird, darfst du das Maul nicht zubinden.“ … „Wer arbeitet, hat ein Anrecht auf seinen Lohn.“ (GNB; 1. Tim 5,17f)

Unsere Gottesfurcht sollte uns auch hier neue Prioritäten setzen lassen, denn Der HERR ist des Armen Schutz, ein Schutz in Zeiten der Not.“ (Ps 9,10) Zurückgehaltender Lohn ist nach Jakobus 5,4 etwas, das zum Herrn schreit und das spätestens in der Ewigkeit gesühnt werden wird! Ein Liebesdienst am Nächsten – egal ob reich oder arm – wäre es, darauf auch im Namen Gottes hinzuweisen! Wir dürfen hier von den frühen Stoikern lernen. Für sie gehörte zur Gerechtigkeit nicht nur die Enthaltung von Unrecht, sondern auch die Bekämpfung des Unrechts. „Wer nun weiß, Gutes zu tun, und tut’s nicht, dem ist’s Sünde.“ (Jak 4,17)

Schließen möchte ich diesen Gendanken mit einer Anekdote: In einem Park sitzen zwei Männer auf einer Bank und unterhalten sich. Fragt der eine den anderen: „Sag mal, wenn Du Gott eine Frage stellen könntest, was würdest Du ihn fragen?“ „Hmm…“ meinte der andere und fuhr fort: „… wenn ich Gott eine Frage stellen könnte, dann würde ich ihn Fragen warum er all das Unrecht und Leid in dieser Welt zulässt!“ Da meinte der andere zu ihm: „Und warum fragst Du Gott diese Frage nicht?“ „Weil ich Angst davor habe, dass Gott mich das gleiche fragen würde!“[3]


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[1] Ausführlich dazu: Diekmann: Systemkritik des MEISTERS. [2] Leo XIII; Enzyklika „Rerum Novarum“ (1891) Nr. 34 URL: https://www.schulte-schulenberg.de/rerum.htm (Stand: 2012) [3] Shane Claiborne, The Irresistible Revolution: Living as an Ordinary Radical, (Zondervan: 2006), Seite 65.

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