Feuerzungen der Hölle – vom Shitstorm, Mobbing und Christenbashing

Lesedauer ca. 7 Minuten

Ich liebe den sonntäglichen Gottesdienst und muss als Pastor sagen, dass ich einen der besten Jobs der Welt habe. Hier trifft man Freunde, tauscht sich aus, betet füreinander, steht für den anderen ein, hier betet man Gott an, macht ihm mit Liedern groß, lässt sich für den Dienst am Nächsten – zu dem wir alle berufen sind – durch die Predigt ausrüsten. Ja, ich liebe Gottesdienst (GOTTesDIENST), Du auch?

Wenn ihr behauptet, Gott zu dienen, aber eure Zunge nicht im Zaum halten könnt, betrügt ihr euch nur selbst, und euer Dienst für Gott ist wertlos. (NL; Jak1,26)

Das Unwort des Jahres 2014 war „Lügenpresse“. Und was mussten sich Reporter und Redakteure nicht alles an Beschimpfungen anhören? Ich habe ein paar Freunde, die in öffentlich rechtlichen Sendern arbeiten. Was die sich zum Teil anhören mussten, war wirklich unterste Schublade.

 Dieser Artikel ist auch als Predigt gehalten worden. Höre Dir hier das Podcast an.
Predigtpodcast vom 01.02.2015

Sämtliche Medien berichten davon, der Umgangston wird immer härter! Auch rassistische Kommentare seien in sozialen Netzwerken keine Seltenheit, erklärt die Organisation „jugendschutz.net“.

Erfahren musste das jüngst z.B. „Germany’s next Topmodel“-Kandidatin Aminata. Die dunkelhäutige Schülerin wurde auf Facebook rassistisch beleidigt und das so sehr, dass sich der Sender zu einem Statement aufgefordert sah: „Das können wir nicht dulden! Das wollen wir nicht dulden!“ schrieb ProSieben, dazu ein großes Stoppschild.

 

 

Der Zeitschrift Handelsblatt platzte in diesen Tage der Kragen und sie veröffentlichten alle Nutzerkommentare unkommentiert in einem Artikel.[1]

Auch Politiker bekommen regelmäßig solche Beschimpfungen zu spüren. Volker Beck von den Grünen hatte zum Beispiel diesen Satz öffentlich gemacht: „Du Schwuchtel. Achte darauf, wer auf dem Gehweg hinter Dir geht.“

Unzählige diffamierende Mails, Drohbriefe und Drohanrufe sind seit der rot-rot-grünen Koalition in Erfurt für Matthias Hey, Fraktionsvorsitzender der Thüringer SPD, und seine Genossen Alltag.

„Ich hab mich mit mehreren Abgeordneten meiner Fraktion unterhalten und kann auch aus persönlicher Erfahrung sagen: das hat mittlerweile nicht nur was mit dem Mandat im Landtag zu tun, sondern das spielt auch ins Familiäre mit rein. Das sind zum Teil eben auch Familienmitglieder, die auf der Straße – und ich möchte es mal so deutlich formulieren-, dumm angemacht werden oder auch beschimpft werden.“ (Matthias Hey) [2]

Aber auch Politiker beschimpfen sich gegenseitig! Als „Autist“, der es „im Leben nur zum Politiker gebracht“ habe, bezeichnete Rolf Müller (CDU) den 60-jährigen SPD-Sozialpolitiker Gerhard Merz. Es gibt eine ganze Auflistung von gegenseitigen Beschimpfungen im hessischen Landtag.[3] „Das Parlamentarische Schimpfbuch“ ist als Buch sogar zu einer Art Geheimtipp geworden.[4] Legendär ist der Satz von Joschka Fischer zum Bundestagsvizepräsident Stücklen:

„Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch, mit Verlaub!“

Begriffe wie Shitstorm, digitales Mobbing oder Bashing versuchen das Phänomen zu beschreiben, was in sozialen Netzwerken teilweise los ist.

Aber bevor wir mit den Finger auf andere zeigen, sollten wir als Christen erst einmal vor der eigenen Haustür kehren:

Es steht uns nicht zu, Außenstehende zu richten, aber es liegt ganz gewiss in eurer Verantwortung, diejenigen Gemeindemitglieder unter euch zu richten, die derartige Sünden begehen. (NL; 1.Korinther 5,12)

Was teilweise auch auf frommen Plattformen für Umgangstöne herrschen, ist unfassbar! Auf den Plattformen von idea, dem oder PROmedienmagazin zerreißen sich Christen das Maul übereinander.

Das PROmedienmagazin schrieb in einem Kommentar mit dem Titel ‚Beleidigungen anstatt konstruktiver Kritik‘ von diversen Beschimpfungen von Christen auf christliche Journalisten: „Himmlerschlampe“, „Hure“ bis hin zum „pseudochristlicher Dreck“ und schlimmeres werfen sich hier Christen gegenseitig an den Kopf.[5]

Zum Tod von Robin Williams schrieb ein Nutzer: „Eine dumme Amisau weniger. Danke dir lieber Gott. Weg mit dem Ami-Dreck.[6]

Auch Jesus bringt es einmal ganz deutlich auf den Punkt:

„Einen Baum erkennt man an seinen Früchten. Ist ein Baum gut, so wird er auch gute Früchte tragen. Ist ein Baum schlecht, so wird er schlechte Früchte tragen […]. Ein guter Mensch spricht gute Worte aus einem guten Herzen, und ein böser Mensch spricht böse Worte aus einem bösen Herzen. Ich sage euch: Am Tag des Gerichts müsst ihr euch für jedes böse Wort, das ihr sagt, verantworten. Was ihr heute sagt, entscheidet über euer Schicksal; entweder werdet ihr gerettet oder gerichtet.“ (NL; Mt12,34-37)

Das gefährlichste Körperteil

Die Zunge ist das gefährlichste Körperteil des Menschen. Kulturübergreifend sind sich die Menschen darüber einig:

„Tod und Leben sind in der Gewalt der Zunge“ (Sprüche 18,21)

„Die Zunge ist ein Dolch aus Fleisch.“ (Sprichwort aus Spanien)

„Du kannst einen Menschen mit dem Gewicht deiner Zunge erdrücken.“ (Sprichwort aus China)

„Die Zunge ist die Hebamme allen Unheils.“ (Sprichwort aus Arabien

Lasst uns einen Text aus dem Jakobusbrief zu diesem Thema genauer untersuchen:

Liebe Brüder […] wir alle machen viele Fehler, aber wer seine Zunge im Zaum hält, der kann sich auch in anderen Bereichen beherrschen. Wir können ein großes Pferd lenken, wohin wir wollen, wenn wir ihm ein Zaumzeug anlegen. Und mit einem winzigen Ruder lenkt der Steuermann ein großes Schiff selbst bei heftigem Wind, wohin er will. So kann auch die Zunge, so klein sie auch ist, enormen Schaden anrichten. Ein winziger Funke steckt einen großen Wald in Brand! Die Zunge ist wie eine Flamme und kann eine Welt voller Ungerechtigkeit sein. Sie ist der Teil des Körpers, der alles beschmutzen und das ganze Leben zerstören kann, wenn sie von der Hölle selbst in Brand gesteckt wird. Der Mensch kann die unterschiedlichsten Tiere und Vögel, Reptilien und Fische zähmen, aber die Zunge kann niemand im Zaum halten. Sie ist ein unbeherrschbares Übel, voll von tödlichem Gift. Mit ihr loben wir Gott, unseren Herrn und Vater; dann wieder verfluchen wir mit ihr andere Menschen, die doch als Ebenbilder Gottes geschaffen sind. So kommen Segen und Fluch aus demselben Mund. Und das, meine Freunde, darf nicht so sein! Sprudelt aus einer Quelle etwa frisches und bitteres Wasser zugleich? Pflückt man Oliven von einem Feigenbaum oder Feigen von einem Weinstock? Nein, und man kann auch kein frisches Wasser aus einem salzigen See schöpfen. (NL; Jakobus 3,1-12)

Das Bild vom Pferd und Schiff

„Es ist des Menschen Zunge, nicht die Tat, die alles lenkt.“ (Sophokles; 496 – 405/6 v. Chr.)

Jakobus vergleicht die Zunge mit einem Zaumzeug, mit dem man ein Pferd lenkt, und mit einem Ruder, mit dem man ein ganzes Schiff lenkt.

Das letze Bild mit dem Ruder spricht für mich persönlich am deutlichsten. Da hat man ein riesiges Schiff – zB. ein Öltanker oder Containerschiff – mit über 100.000 PS, über 400m Länge und steuert das Ding mit einem winzigen Ruder.

 Bateaux_comparaison2.svg: Delphine Ménard (notafish) derivative work: Tupsumato


Bateaux_comparaison2.svg: Delphine Ménard (notafish)
derivative work: Tupsumato

Das ist ein Bild für unser Leben. Wir haben gewaltiges Potential von Gott als Menschen bekommen. Mit seinem Heiligen Geist getankt strotzen wir nur so vor Kraft, dazu unser Fähigkeiten, Talente, angeeignetes Wissen usw.

… und dennoch, steuern wir diese riesigen, geistlichen Tanker mit dem kleinsten Körperteil, der Zunge – reden uns unter Umständen um Kopf und Kragen, machen Gottes Sache unglaubwürdig, verfluchen unsere Mitmenschen oder sind ein Segen und ein Rettungsschiff für verlorenen Menschen.

Das Bild vom Feuer

Jakobus geht aber noch weiter und nennt sogar eine Ursache dafür, wie unsere Zuge zum Fluch für uns selber und unsere Umwelt wird.

Zur Erinnerung: Jakobus schreibt hier nicht an Heiden, sondern an Christen, Mitglieder einer Gemeinde!

Trotzdem ortet er die Ursache der falschen Zungen direkt in der Hölle! Er sagt, dass auch bei uns Christen die Zunge angesteckt von dem Feuer der Hölle sein kann!

Das ist wirklich starker Tobak, den man erst mal verdauen muss.

Aber natürlich ist das so! Wenn wir mit Engelszungen reden und Menschen segnen, dann reden wir aus einem Herzen das Feuer und Flamme für den himmlischen, liebenden Vater ist. Aber natürlich können wir uns auch zum destruktiven Sprachrohr der Hölle machen und entmutigen, beschimpfen, lästern, verurteilen, verallgemeinern, verfluchen usw.

Na? Von wem oder was bist Du Feuer und Flamme? Von der Liebe Gottes oder der Finsternis – deine Zuge ist hier der Lackmustest und Indikator.

Das Bild vom Bändigen der Tiere

In einem weiteren Bild sprich Jakobus vom Bändigen der Zunge im Vergleich zum Bändigen der wilden Tiere. „Bändigen“ bedeutet „zähmen“, dafür braucht es Geduld und Entschlossenheit – das ist ein Prozess.

„In den letzten Generationen lernten die Menschen, die Zähne zu putzen – doch niemand denkt daran, die Zunge zu putzen.“ (Rabbi Selig von Sokolow)

Hier brauchen wir eine neue Disziplin, dem Zeitgeist zum Trotz. Auch im Internet braucht es so etwas wie eine „digitale Zivilcourage“. Als Christen sollten wir nicht da sitzen wo ‚die Spötter sitzen‘, wir sollen hier parteilich sein und uns schützend vor die Schwachen stellen und wilde Zungen bändigen.

Das Bild von der Quelle, dem Feigenbaum, dem Weinstock und dem salzigen Wasser

Nach dem Bild der brennende Zunge entfacht aus der Finsternis gibt Jakobus ein neues Bild von unterschiedlichen Quellen einmal mit guten Wasser und einmal mit salzigem Wasser. Und er schreibt, dass wir uns entscheiden müssen, welcher Quelle wir uns bedienen:

„Mit ihr loben wir Gott, unseren Herrn und Vater; dann wieder verfluchen wir mit ihr andere Menschen, die doch als Ebenbilder Gottes geschaffen sind. So kommen Segen und Fluch aus demselben Mund. Und das, meine Freunde, darf nicht so sein!“

 

Schluss

Nein, dieser Artikel soll niemanden verurteilen, aber überführen und herausfordern soll es schon – mir ging es jedenfalls so beim Lesen unseres Jakobustextes. Welcher Quelle bedienst Du Dich? Ist Deine Zunge unter Umständen hier und da mit dem Feuer der Hölle in Brand gesteckt? Ich habe gute Nachrichten für Dich.

Jesaja ging es bei seiner Berufung zum Propheten ähnlich. Er wurde in einer Vision vor Gottes Thron gebracht und verging fast vor Herrlichkeit und Heiligkeit der Gegenwart Gottes.

Da sagte ich: »Mir wird es furchtbar ergehen, denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen, inmitten eines Volkes mit unreinen Lippen. Ich werde umkommen, denn ich habe den König, den Herrn, den Allmächtigen, gesehen!« Doch einer der Seraphe flog zu mir, er hielt ein Stück glühende Kohle in seiner Hand, das er mit einer Zange vom Altar genommen hatte. Damit berührte er meinen Mund und sagte: »Sieh, dies hat deine Lippen berührt. Jetzt ist deine Schuld getilgt; deine Sünden sind dir vergeben.« Dann hörte ich den Herrn fragen: »Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen?« Und ich sagte: »Hier bin ich, sende mich.« (NL; Jesaja 6, 5-8)

Deine Zunge mag einst von der Finsternis instrumentalisiert worden sein und von der Hölle in Brand gesetzt, aber Gottes Feuer seiner Liebe brennt immer noch heißer! Wenn Du es möchtest, dann schenkt Gott Dir – wie Jesaja – einen Neuanfang, aber nicht nur das:

ER SENDET DICH SOGAR UND GIBT DIR EINE NEUE CHANCE EIN SEGEN STATT EIN FLUCH ZU SEIN – willst Du das? Sei ein neu gesendetet in die Familie, sozialen Netzwerke, deinen Arbeitsplatz usw. – aber eben einer mit einer neuen ‚Zunge‘.


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[1] „Lügenpresse kommt von Lügenfresse“; URL: https://www.handelsblatt.com/social-media/netz-aktuell/nutzer-kommentare-luegenpresse-kommt-von-luegenfresse/11229186.html; 15.01.2015

[2] Jennifer Stange; „Politiker berichten von Hassmails und zerstochenen Reifen“; URL: https://www.mdr.de/mdr-info/drohbriefe-thueringen100.html; 02.12.2014

[3] https://www.hna.de/politik/poebelparlament-polemik-beschimpfungen-politik-2910851.html

[4] Günter Pursch; „Das parlamentarische Schimpfbuch: Stilblüten und Geistesblitze unserer Volksvertreter in 60 Jahren Bundestag“; 5. März 2009; https://www.amazon.de/Das-parlamentarische-Schimpfbuch-Geistesblitze-Volksvertreter/dp/3776625945

[5] Beleidigungen anstatt konstruktiver Kritik; URL: https://www.pro-medienmagazin.de/kommentar/detailansicht/aktuell/beleidigungen-anstatt-konstruktiver-kritik-90826/

[6] https://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/robin_williams_ist_tot_und_bei_zeit_online_steppt_der_antisemit

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_gr%C3%B6%C3%9Ften_Schiffe_der_Welt#mediaviewer/File:Bateaux_comparaison2_with_Allure.svg

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