Christen sind obrigkeitshörig?!

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Einen Tyrannen zu hassen vermögen auch knechtische Seelen. Nur wer die Tyrannei hasset, ist edel und groß. (Johann Wolfgang von Goethe)

Zwischen dem, der das Recht vertritt, und dem Recht an sich gibt es einen Unterschied! Diesen Unterschied scheinen aber nur wenige Fromme auseinanderhalten zu können. Mit Stellen wie Röm 13 (siehe unten) legitimierten beispielsweise viele NS-Verbrecher ihre Untätigkeit oder sogar Verbrechen vor den Nürnberger Prozessen, denn als Christen seien sie ja schließlich dazu verpflichtet gewesen, obrigkeitshörig zu leben. Kann das so stimmen?

Von diesen sogenannten „theologischen Gründen“ aber einmal abgesehen fordert uns unser eigens Grundgesetz in einigen Fällen sogar zum zivilen Ungehorsam auf. Zunächst einmal muss aber festgehalten werden, dass unser heutiges Machtgefüge GOTT SEI DANK ein komplett anderes ist als das von dem uns Paulus oder Petrus berichten. Unsere heutige Regierung ist NICHT VERERBT oder durch GEWALT AN SICH GEZOGEN, sondern von uns selbst gewählt! In unserem Grundgesetz heißt es im Artikel 20 dazu:

  1. Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.
  2. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.
  3. Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.
  4. Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.

Unser Grundgesetz gibt uns Deutschen durch Wahlen alle Staatsgewalt (eine Schande wer davon keinen Gebrauch macht). Weiter ruft unser Grundgesetz uns nicht nur dazu, auf uns aktiv mit unseren demokratischen Rechten an der Politik und gegebenenfalls an einem Politikwechsel zu beteiligen, sondern garantiert sogar das Recht auf Widerstand gegen jeden Feind dieser demokratischen und sozialen Ordnungen, für den Fall, dass demokratische Rechte eingeschränkt oder aufgehoben werden würden! Die Mächtigen in Deutschland, das sind Sie und ich zusammen, das Volk. Wir sind die Wächter dieser demokratischen und sozialen Grundordnung und sind aufgerufen diese notfalls durch zivilen Ungehorsam zu verteidigen!

In der Bibel gibt es eine wunderbare Fabel, die die Gefahren von einer falsch gewählten Regierung skizzieren:

Einst beschlossen die Bäume, einen König zu wählen. Sie sprachen zum Olivenbaum: `Sei unser König!´ Doch dieser antwortete ihnen: `Soll ich vielleicht aufhören, Öl hervorzubringen, das Gott und Menschen ehrt, nur um über den Bäumen zu schweben?´ Da sprachen sie zum Feigenbaum: `Sei du unser König!´ Doch der Feigenbaum entgegnete: `Soll ich vielleicht aufhören, meine süßen Früchte hervorzubringen, nur um über den Bäumen zu schweben?´ Da sprachen sie zum Weinstock: `Sei du unser König!´ Doch der Weinstock erwiderte: `Soll ich vielleicht aufhören, den Wein hervorzubringen, der Gott und die Menschen erfreut, nur um über den Bäumen zu schweben?´ Schließlich wandten sich alle Bäume an den Dornbusch und sagten: `Komm, sei du unser König!´ Und der Dornbusch antwortete: `Wenn ihr mich wirklich zu eurem König machen wollt, dann kommt und sucht Schutz in meinem Schatten. Wenn nicht, soll Feuer aus dem Dornbusch hervorbrechen und die Zedern des Libanon verzehren.´ (Ri9,8-15)

Nein, die Bibel ist selbst nicht obrigkeitshörig, und die Frommen sollten es auch nicht sein. Zu wissen, dass menschliche Herrschaft Gefahr in sich birgt, das offen auszusprechen und sich dafür einzusetzen, dass es nicht so weit kommt, ist sogar Teil ihres Glaubens!

Ist Luthers These „Christen verzichten darauf, sich gegen die Obrigkeit zu empören“ theologisch haltbar oder ist sie es nicht? Wir wollen die zentralen zwei Bibelstellen, die in diesem Zusammenhang immer wieder herangezogen wurden (und werden), etwas näher betrachten.

 

Römer 13 – Kein Aufruf zur allgemeinen Obrigkeitshörigkeit

Jede Seele unterwerfe sich den übergeordneten staatlichen Mächten! Denn es ist keine staatliche Macht außer von Gott, und die bestehenden sind von Gott verordnet. Wer sich daher der staatlichen Macht widersetzt, widersteht der Anordnung Gottes; die aber widerstehen, werden ein Urteil empfangen. Denn die Regenten sind nicht ein Schrecken für das gute Werk, sondern für das böse. Willst du dich aber vor der staatlichen Macht nicht fürchten, so tue das Gute, und du wirst Lob von ihr haben; denn sie ist Gottes Dienerin, dir zum Guten. Wenn du aber das Böse tust, so fürchte dich! Denn sie trägt das Schwert nicht umsonst, denn sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe für den, der Böses tut. Darum ist es notwendig, untertan zu sein, nicht allein der Strafe wegen, sondern auch des Gewissens wegen. Denn deshalb entrichtet ihr auch Steuern; denn es sind Gottes Diener, die eben hierzu fortwährend beschäftigt sind. Gebt allen, was ihr ihnen schuldig seid: die Steuer, dem die Steuer; den Zoll, dem der Zoll; die Furcht, dem die Furcht; die Ehre, dem die Ehre gebührt! (ELB; Rö 13,1-7)

Dieser Text will universell verstanden sein, er richtet sich nicht speziell an Christen, sondern an JEDE SEELE/JEDERMANN (ob Christ oder nicht). Jeder Mensch soll sich der Obrigkeit (nach Luther) oder den staatlichen Mächten (Elberfelder Übersetzung) unterordnen, denn diese seien von Gott eingesetzt. Und tatsächlich: jede staatliche Gewalt ist nach christlichem Verständnis von Gott eingesetzt.[1]

Er ist es, der die Gewalt über Zeiten und Veränderungen hat. Er setzt Könige ab und setzt andere als Könige ein […]. (Dan 2,21)

Wenn Gott sogar den Vogelflug und das Entstehen einer Glatze wirkt[2], dann ist es keine Überraschung, dass der MEISTER auch bei den Regierungen dieser Welt seine Hände mit im Spiel hat. Dass Gott staatliche Ordnungen einsetzt, bedeutet aber nicht, dass diese automatisch „in Ordnung“ seien! Im Gegenteil, die Bibel ist voll von Beispielen, in denen Gott diese eingesetzten Regierenden zur Ordnung ruft. Das scheint ein Widerspruch zu sein und bleibt zugegebermaßen sicherlich auch ein tiefes Geheimnis, dessen Antwort irgendwo zwischen der Souveränität Gottes auf der einen und dem freien Willen des Menschen auf der anderen Seite zu finden ist.

Paulus, der Autor dieses Textes, erlebte selbst vier Kaiserkrönungen, von denen drei durch Mord und Totschlag möglich gemacht wurden. Die Souveränität Gottes steht der Verantwortlichkeit des Menschen nicht im Weg und legitimiert kein Unrecht. Im Gegenteil: jeder ungerechte Tyrann wird sich spätestens vor dem Thron Gottes (hoffentlich sogar früher) dem ewigen Recht verantworten müssen.

Eine biblische Parabel ist jener Pharao, der das Volk Israel nicht ziehen lassen wollte. Nach frommer Logik ist auch dieser Pharao, dem Gott durch den Propheten Mose befiehlt Israel gehen zu lassen, von Gott eingesetzt. Aber diese biblische Logik geht sogar noch weiter, denn in der biblischen Erzählung lesen wir, dass selbst die Sturheit (Verstockung) des Pharaos von Gott gewirkt wurde. Wenn Gott omnipotent ist, ihm nichts aus der Kontrolle gerät, dann kann er – wie in der Geschichte beschrieben – den Pharo gleichzeitig auffordern und ermahnen etwas Bestimmtes zu tun und gleichzeitig die Sturheit des Regenten, die sich ihn weigern lassen wird Gottes Anweisung Folge zu leisten, schicken, ihn dafür bestrafen und zum Schluss sogar richten. Diese für uns nur schwer nachzuvollziehende Souveränität Gottes ist – so wird es am Beispiel des sturen Pharaos deutlich – jedenfalls keine Entschuldigung für jegliche menschliche Schwäche und Sünde, für diese muss sich JEDER MENSCH verantworten.

Auf der anderen Seite ist diese Einsetzung Gottes auch mit den Ohren der Zeit von damals zu hören. Mit diesen Ohren hören wir eine deutliche Kritik am römischen Kaiserkult, in dem sich der Kaiser als Gott verehren ließ. Paulus erteilt dieser Praxis eine Absage und schreibt der Gemeinde, dass der Kaiser NUR ein MENSCH von dem WAHREN GOTT eingesetzt und auf SEINE GNADE angewiesen sei. Dies ist eine deutliche Kritik an dem bestehenden System jener Zeit.

Zurück zum Text: Dieser gerechten oder auch ungerechten Obrigkeit soll sich nun jedermann bedingungslos unterordnen? Ist das die Aussage dieses Textes? Über Jahrhunderte wurde dies genauso von vielen Kanzeln dieser Welt gelehrt. Aber ich denke, der Text möchte uns etwas anderes sagen!

Zunächst einmal stellen wir fest, dass der Autor dieses Textes, der Apostel Paulus, sich selbst eben nicht jeder staatlichen Macht bedingungs- und widerspruchslos auslieferte. In Jerusalem wehrte sich Paulus mit allen ihm zur Verfügung stehende Mitteln und bestand schließlich sogar erfolgreich darauf, dem höchsten Gericht in Rom seinen Fall darzulegen.[3] Wenn wir diese Streitbarkeit des Paulus auf unsere heutige Zeit und Kontext übertragen, dann müsste eigentlich jeder Christ dazu bereit sein, geschehendes Unrecht bis zum Europäischen Gerichtshof vorzutragen! Der unmittelbare Zusammenhang der Textstelle (13,12) ruft sogar zum Kampf mit den Waffen des Lichts gegen die Finsternis und eben nicht zum Passiv- und Stumm Ergebensein auf!

ALLE APOSTEL waren sich darin einig: »Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apg 5,29) und Gott gehorchen, wenn er sagt:

Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen. (LU; Spr 31,8 f)

Diese Textstelle scheint dem restlichen Zeugnis der Schrift tatsächlich auf den ersten Blick zu widersprechen. Ich behaupte: Der Obrigkeit Untertan zu sein, kann nicht bedeuten Unrecht unwidersprochen zuzulassen, im Gegenteil.

Der Schlüssel liegt wie so oft im Aufbrechen uralter Übersetzungstraditionen: Luther übersetz: „Jedermann sei Untertan der Obrigkeit (griechisch: exousia) […].“ exousia wird im Neuen Testament aber vor allem mit Vollmacht/Gewalt (73-mal in 69 Bibelstellen/ 13-mal von Paulus selbst) und Recht (22-mal in 18 Bibelstellen/ 8 von Paulus selbst) übersetzt.[4] Im Sinne von Obrigkeit wird es in anderen Bibelübersetzungen[5] nur in zwei Bibelstellen (Röm 13 & LK 20,20) übersetzt, in beiden Stellen ist diese Übersetzung nicht zwingend, im Gegenteil, die Übersetzung RECHT würde in beiden Übersetzungen sogar mehr Sinn machen.

Die Elberfelder Übersetzung gibt diesen Vers in der gleichen Tradition wieder: „Jede Seele unterwerfe sich den übergeordneten staatlichen (griechisch: huperechō) Mächten (griechisch: exousia) […].huperechō meint aber eigentlich einfach nur hinausragen über oder übertreffen, übersteigen, vorzüglich, vortrefflich. Auch hier ist auffällig, dass dieses Wort – abgesehen von unserer Bibelstelle – nie im Sinne von staatlich, Obrigkeit oder weltlich verwendet wird!

Folgten wir diesem sonst üblichen Übersetzungsmuster, dann kämen wir zu folgender Übersetzung:

Jede Seele unterwerfe sich dem UNÜBERTREFFBAREN RECHT! Denn es ist kein RECHT außer von Gott, und das bestehende ist von Gott verordnet. Wer sich daher dem RECHT widersetzt, widersteht der Anordnung Gottes; die aber widerstehen, werden ein Urteil empfangen. Denn die Regenten sind nicht ein Schrecken für das gute Werk, sondern für das böse. Willst du dich aber vor dem RECHT nicht fürchten, so tue das Gute, und du wirst Lob von ihr haben; denn es ist Gottes Dienerin, dir zum Guten. Wenn du aber das Böse tust, so fürchte dich […].

Dieser Text ruft also nicht speziell dazu auf, sich einem irdischen Rechtsvertreter selbst, sondern sich dem Recht als solches unterzuordnen. Das universelle, natürliche Recht, von dem Paulus in Rö 2,12-16 schreibt, ist von Gott und gilt JEDER SEELE:

Auch wenn die anderen Völker das Gesetz Gottes nicht haben, gibt es unter ihnen doch Menschen, die aus natürlichem Empfinden heraus tun, was das Gesetz verlangt. Ohne das Gesetz zu kennen, tragen sie es also in sich selbst. Ihr Verhalten beweist, dass ihnen die Forderungen des Gesetzes ins Herz geschrieben sind, und das zeigt sich auch an der Stimme ihres Gewissens und an den Gedanken, die sich gegenseitig anklagen oder auch verteidigen. (GNB; Röm 2,14 f)

Brechen wir also mit diesen einseitigen Übersetzungstraditionen aus alten monarchischen Zeiten, dann könnten wir den Mächten dieser Welt damit theologisch das Instrument tausendfacher Unterdrückung und Willkür nehmen und könnten auch diese endlich entschieden zur ewigen, natürlichen Recht rufen!

 


 

[1] Dan 2,21.37f; 4,14.29; 5,21; Spr 8,15 f;21,1; Jes 45,1-7;Lk 1,52; Jo h19,11; Röm 9,17

[2] Vgl. Mt 10,29 f

[3] Vgl. Apg 22,23

[4] Zählung in der Elberfelder Übersetzung.

[5] Zählung in der Elberfelder Übersetzung.

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