Die Familie ein Bild für die Kirchengemeinde
Die Familie ein Bild für die Kirchengemeinde. Titelbild von pixabay.com

Die Familie – ein Bild für die Kirche

Lesedauer ca. 15 Minuten

In kirchlichen Kreisen nennen sich die Mitglieder manchmal »Geschwister«. Einige von ihnen stellen sich einander sogar mit »Bruder« oder »Schwester« vor. Aber auch viele Menschen außerhalb der Kirchen nennen sich selber Menschenkinder und implizieren damit die Existenz eines Vaters. Die Vorstellungen über diesen himmlischen Vater variieren von Kultur zu Kultur. Für die einen ist es der große, allmächtige, sich weit weg befi ndende Übervater, für andere eine Art Märchen-Großvater, der aber ebenfalls überhaupt keine Rolle im eigenen Leben spielt. In unseren Breitengraden stellen sich sehr viele Menschen unseren himmlischen Vater wie eine Art Uropa mit einem langen Bart vor, der immer lächelt, voller Geduld ist und seine Menschenkinder auf dem Schoß sitzen lässt.

Doch ist diese Idee, dass wir alle einen himmlischen Vater haben, egal welcher Kultur und Religion wir angehören, eigentlich biblisch? In seinem Brief an die Epheser könnte man Paulus tatsächlich so verstehen: Ich kann nur meine Knie beugen vor Gott, dem Vater, dem Vater von allem, was im Himmel und auf der Erde ist (Epheser 3,14; NLB; Hervorhebung durch den Autor).

Zuhause ist wo man willkommen ist

»Wenn Gott also der Vater von allem ist, was sich im Himmel und auf Erden befi ndet, warum regt ihr Christen euch so auf? Wozu wollt ihr uns dann eigentlich noch bekehren? Gott ist der Vater aller und daher – mal ganz salopp gesagt – kann man sich auf den Alten schon verlassen, der tut einem schon nichts.« So oder so ähnlich dürfte die zusammengefasste Haltung vieler Zeitgenossen heute lauten. Man meint, der himmlische Vater sei wie ein Opa, der alles durchgehen lässt: milde, nachsichtig, einsam, senil.

Jesus erzählt im Gleichnis vom verlorenen Sohn, wie es in Wahrheit mit dem Verhältnis zwischen den Menschenkindern und dem himmlischen Vater bestellt ist: Ein sehr wohlhabender Vater hatte zwei Söhne. Einer der Söhne ließ sich sein Erbteil vorzeitig auszahlen, verließ das Elternhaus und verprasste sein Geld in der Ferne, bis er nichts mehr hatte. Dem Sohn blieb nichts anderes übrig, als – und das war für einen Juden so ziemlich das Schlimmste, was man tun konnte – als Schweinehirte zu arbeiten, um nicht zu verhungern. Dort kam der Sohn ins Grübeln und fasste schließlich folgenden Entschluss:

Ich will zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden; ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu sein (Lukas 15,19; Hervorhebung durch den Autor).

Genau so gingen wir Menschenkinder – übertragen gesehen – einst mit unserem himmlischen Vater um (bzw. viele tun es immer noch): Wir behandelten ihn, als wenn er gestorben wäre, und traten unser Erbe an. Wir wollten es ohne ihn schaffen, wir gingen weg von ihm in die Fremde, lebten dort ohne ihn, in absoluter Verschwendung, und wir verprassten den letzten Rest des väterlichen Erbes! Seitdem stehen wir vor Gott und der geistlichen Welt total mittellos da – wenig erinnert mehr an unsere einstige himmlische Herkunft, unseren Erzeuger und Schöpfer. Die Bibel sagt es uns sehr deutlich, dass wir es in der Tat nicht mehr wert sind, Kinder Gottes genannt zu werden: Denn alle Menschen haben den Vater verlassen und das Leben in der Herrlichkeit Gottes verloren, das Gott den Menschenkindern ursprünglich geschaffen hatte (Römer 3,23; sinngemäße Übersetzung).

Die Israeliten als Kinder Gottes – das Bild im Alten Testament

Im Alten Testament nannten sich die Juden selber oft Kinder Israels und sie sahen Gott ganz selbstverständlich als himmlischen Vater (vgl. z.B. Jesaja 64,7). Anfangs war dieser Gedanke jedoch eher ein kollektiver. Sich selbst Sohn oder Tochter Gottes zu nennen, war demnach nicht üblich. Ganz Israel war Kind Gottes und nicht der Einzelne.

Erst zur Zeit der Könige sollte sich das, zumindest auf Herrscherebene, ändern, denn jetzt nannte Gott nicht nur die Gesamtheit des Volkes seinen Sohn (vgl. z.B. Hosea 11,1), sondern bot auch dem Vertreter des Volkes diesen Titel an. Sohn Gottes war demnach auch ein Königstitel. Doch obwohl sich die Könige und das Volk als Ganzes als Sohn Gottes verstanden, war man mit dem Titel Kind Gottes im Singular eher vorsichtig, man bevorzugte den Plural Kinder Gottes. Gott gebrauchte ihn sowohl im Positiven, um z.B. seine Beziehung und Zuneigung zu beschreiben, als auch im Negativen, um z.B. seine Enttäuschung, seinen Zorn und seine Kränkung zum Ausdruck zu bringen.

Israel war lange Zeit das privilegierteste Volk auf Erden, denn die Israeliten durften den Schöpfer ihren Vater nennen. Doch gingen sie auch immer wieder stur und uneinsichtig eigene Wege und verhielten sich unmöglich, wenn sie Gott – sagen wir – auf die unschuldige Vater-Sohn-Tour kamen.

Eine himmlische Familie – das Bild im Neuen Testament

Wir haben festgestellt, dass alle Menschen ursprünglich zur Familie Gottes gehörten, dass Gott der Vater aller Menschen ist, doch dass viele ihre eigenen Wege gegangen und nur wenige im Hause des Vaters geblieben sind. Mit diesen Gedanken wollen wir uns jetzt den zweiten Teil des Gleichnisses vom verlorenen Sohn ansehen:

»Ich will zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden; ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Nimm mich als einen deiner Arbeiter in Dienst!« So machte er sich auf den Weg zu seinem Vater. Er war noch ein gutes Stück vom Haus entfernt, da sah ihn schon sein Vater kommen, und das Mitleid ergriff ihn. Er lief ihm entgegen, fi el ihm um den Hals und überhäufte ihn mit Küssen. »Vater«, sagte der Sohn, »ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden, ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu sein!« Aber der Vater rief seinen Dienern zu: »Schnell, holt die besten Kleider für ihn, steckt ihm einen Ring an den Finger und bringt ihm Schuhe! Holt das Mastkalb und schlachtet es! Wir wollen ein Fest feiern und uns freuen! Denn mein Sohn hier war tot, jetzt lebt er wieder. Er war verloren, jetzt ist er wiedergefunden.« Und sie begannen zu feiern (Lukas 15,18-24; Hervorhebung durch den Autor).

Familie bleibt unbezahlbar

Damit erzählte Jesus seinen Zeitgenossen etwas über das Vaterherz Gottes. Er sagte:

  • Ja, es gibt Menschen, die den Vater zutiefst verletzt haben, von ihm weggelaufen sind und ihre eigenen Wege gehen wollten.
  • Ja, diese Menschen sind es eigentlich nicht mehr wert, Söhne zu heißen.

(Bis hierhin offenbarte Jesus seinen Zuhörern nichts Neues.)

  • Aber nein, der Vater hasst den verlorenen Sohn nicht!
  • Nein, für den Vater sind die verlorenen Kinder nicht gestorben, er hält jeden Tag nach ihnen Ausschau.
  • Nein, er verstößt diejenigen, die zu ihm zurückkommen, nicht. Er läuft ihnen sogar entgegen!
  • Nein, der Vater hat kein versteinertes Herz, sondern eines voller Gnade. Er gibt den Heimkehrern eine zweite Chance und nimmt sie wieder vollwertig in die Familie auf (holt die besten Kleider, den Familienring und neue Schuhe und lädt alle zu einer offi ziellen Feier ein)!

Jesus sagt den Menschen seiner und unserer Zeit, dass die verlorenen Kinder, jene, die weit weg vom himmlischen Vater sind, zu ihm zurückkommen dürfen und dass der Vater sie gerne und sehnsüchtig erwartet. Wir haben festgestellt, dass zur Zeit des Alten Testaments der Titel »Sohn Gottes« unter anderem ein Königstitel war. In der gleichen gedanklichen Interpretation wird dieser Titel auch auf Jesus übertragen und mit den entsprechenden Erwartungen gefüllt: Da sagte Natanaël: »Rabbi, du bist der Sohn Gottes! Du bist der König von Israel(Johannes 1,49; Hervorhebung durch den Autor).

Doch Jesus wurde nicht einfach nur »Sohn Gottes« genannt, weil dies ein sehr schmeichelnder Königstitel war. Nein, die Notwendigkeit, dass Jesus Sohn Gottes sein musste, liegt viel tiefer:

Weil Gott wollte, dass viele Kinder Gottes in sein herrliches Reich aufgenommen werden, hat er den, der sie zur Rettung führen sollte, durch Leiden zur Vollendung gebracht […]. Denn der Sohn, der die Menschen Gott weiht, und die Menschen, die von ihm Gott geweiht werden, stammen alle von demselben Vater. Darum schämt der Sohn sich nicht, sie seine Brüder zu nennen. Er sagt zu Gott: »Ich will dich meinen Brüdern bekannt machen; in der Gemeinde will ich dich preisen.« Er sagt auch: »Ich will mein Vertrauen auf Gott setzen!«, und fährt fort: »Hier bin ich mit den Kindern, die Gott mir gegeben hat.« Weil diese Kinder Menschen von Fleisch und Blut sind, wurde der Sohn ein Mensch wie sie, um durch seinen Tod den zu vernichten, der über den Tod verfügt, nämlich den Teufel (Hebräer 2,10-18).

Jesus Christus, der Sohn Gottes, der immer beim Vater war, bezahlte die Schulden derer, die vom Vater weggegangen sind, um so den Weg zum Vater für die verlorenen Söhne und Töchter – für uns – frei zu machen (vgl. Johannes 11,49-52). Es ist schon sehr erstaunlich, aber Jesus nennt uns tatsächlich seine Brüder und Schwestern – das ist doch wirklich fantastisch und kaum auszuhalten, oder?

Doch wir dürfen Jesus nicht nur unseren (großen) Bruder nennen, sondern den himmlischen Vater darüber hinaus sogar Abba (vgl. Galater 4,4-7), das bedeutet so viel wie Papi oder Vati! Das ist der Grund, weshalb Jesus in diese Welt gekommen ist: Die alte zerrüttete und zerstrittene Familie wird durch ihn wieder zusammengeführt!

Du gehörst zur Familie!

Obwohl eine Familie so viel mehr ist als eine reine Zweckgemeinschaft, ist uns allen klar, dass man, eingebettet in eine Familie, einige Vorteile hat, erst recht, wenn es, wie in unserem Fall, eine königliche Familie ist. Beim Schreiben dieser Zeilen muss ich an das Kinderbuch von Ursula Marc Nicht wie bei Räubers denken. Ein faszinierendes Märchen, das Menschen jeden Alters bewegt, anrührt und begeistert und eigentlich in keinem christlichen Haushalt fehlen darf.

Der Räuberjunge Tom kann es kaum fassen, als er eines Morgens in einem Schloss aufwacht. Der König hat ihn tags zuvor aus der dunklen Höhle befreit, in die ihn die Räuber wieder einmal eingesperrt hatten, und ihn hierher gebracht. Für Tom beginnt ein ganz anderes, abenteuerliches Leben. Er wird in einer neuen Familie aufgenommen und muss es lernen, mit den dort herrschenden Regeln, dem Umgangston und der Liebe umzugehen. Einmal beispielsweise macht Tom eine kostbare Spieluhr des Königs kaputt. Voller Angst vor den Konsequenzen seiner Tat läuft er aus dem Palast in den Schlosspark und versteckte sich dort. Er redet sich ein, dass ihn der König bestrafen und aus der neuen Familie ausschließen werde. Doch dem ist nicht so. Voller Erstaunen muss Tom feststellen, dass der König ihn überall sucht – jedoch nicht, weil er wütend ist, sondern weil er voller Sorge um den weggelaufenen Tom ist. Denn es ist langsam dunkel im Park geworden und Tom ist immer noch nicht wieder aufgetaucht. Der König fi ndet den Jungen schließlich, umarmt ihn liebevoll und ermutigt ihn, ihm alles zu erzählen. So hätten die Räuber in Toms alter Höhle nicht reagiert! Die Geschichte ist eine märchenhafte Erzählung für Erwachsene, Kinder und Jugendliche, in der sich Menschen wie du und ich in vielen Situationen wiederfi nden können. Man beginnt zu ahnen, was es heißen kann, als Christ Teil einer neuen, königlichen Familie zu sein. Eine gute Familie bietet – im Idealfall – ein geborgenes Zuhause, einen Ort der bedingungslosen Annahme und Liebe. Das ist bei unserer himmlischen Familie der Fall (vgl. Johannes 14,21-23).

Zu dieser emotionalen, seelischen Ebene, aus der ein guter Charakter hervorgeht, gehört selbstverständlich auch die Erziehung. In der Pädagogik sagt man, dass es lieblos sei, sein Kind nicht zu erziehen! Weil Gott uns liebt, will er uns auch zu reifen, mündigen Erwachsenen heranwachsen sehen (vgl. Hebräer 6-7). Eine Familie bietet aber selbstverständlich auch wirtschaftliche Vorteile, beinhaltet also auch eine materielle Ebene. Wir sind geistlich gut versorgt. Als Kinder Gottes sind wir Erben (vgl. Galater 4,7).

Beide Motive, die emotionale, seelische und die materielle Ebene, fi nden sich immer wieder in der Beschreibung der göttlichen, königlichen Familie, zu der wir uns durch Jesus Christus zählen dürfen. Die Hauptblickrichtung, der Fokus dieses Bildes, geht also wieder nach innen, zu unseren Mitchristen, daneben aber auch nach oben, zu unserem himmlischen Vater, und nach außen, zu den Menschen, die noch nicht zur Familie gehören und wie bei Nicht wie bei Räubers noch in irgendwelchen geistlichen Höhlen hausen.

Familie wird nie ein Auslaufmodell

Wir haben festgestellt, dass Gott zwar der Vater aller Menschen ist, er aber nur diejenigen, die in seinem Haus sind, das ewige Erbe antreten lässt. Gott unterscheidet bei seinen Kindern sehr wohl zwischen denen, die verloren, und denen, die gerettet sind. Daher ist das Erste, was das einzelne Menschenkind tun muss, zum himmlischen Vater umzukehren (vgl. Apostelgeschichte 17,27-39).

Jeder Mensch weiß tief in seinem Inneren um dieses verlorene Zuhause, daher bastelt er sich allerlei Illusionen. Doch diese Kopien können nicht mit dem Original mithalten. Gott ist uns nicht böse, dass wir nach Alternativen gesucht haben, doch jetzt, wo wir von dem Original wissen, sollen wir zu ihm zurückkehren. Jesus sagt uns ganz deutlich, dass das nur durch ihn möglich ist (vgl. Johannes 14,6)! Durch Jesus werden wir wieder in die göttliche Familie aufgenommen, wir bekommen durch ihn einen rechtlichen Anspruch: Aber allen, die ihn aufnahmen und ihm Glauben schenkten, verlieh er das Recht, Kinder Gottes zu werden (Johannes 1,12; Hervorhebung durch den Autor).

In Deutschland haben wir die Notrufnummer 112. Man kann sie im Bundesgebiet von jedem Festnetz-Telefon und Handy aus kostenlos anrufen. Daher nenne ich diesen Vers aus Johannes 1,12auch gerne den Notruf Gottes. Das hier verwendete Wort für Recht kommt im Griechischen aus der Justizsprache, aus der Welt der Richter. Dieses Recht wurde einem Kind z.B. bei einer Adoption verliehen. Zugleich war es für die Adoptiveltern eine Verpfl ichtung, denn, juristisch gesehen, ist ein adoptiertes Kind den leiblichen Kindern gleichgestellt! Der Text sagt uns gewissermaßen, dass wir durch den Glauben an Jesus von Gott dem Vater adoptiert werden und uns ab jetzt wieder seine vollwertigen Kinder nennen dürfen.

Das Zweite, was es für Kinder Gottes zu beachten gilt, ist für uns als Kirche sehr interessant, denn mit der Adoption in Gottes Familie bekommen wir nicht nur einen neuen Vater, sondern auch neue Geschwister! In der ersten Gemeinde können wir davon lesen, dass die gläubig Gewordenen durch die Taufe in die Jerusalemer Gemeindefamilie aufgenommen wurden (vgl. Apostelgeschichte 2,41).Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass die Taufe keine Empfehlung, sondern ein Befehl Christi ist. Jeder, der sich zu Christus bekennt, soll sich auch taufen lassen!

Jetzt betreten wir ein Feld in der Ekklesiologie (der Lehre von der Gemeinde), das die verschiedenen Denominationen unterschiedlich auslegen und handhaben. In die eine Kirche tritt man durch die Taufe selbst ein, in der anderen muss man den Kircheneintritt separat begehen. In der einen wird dies per Handschlag, mündlich oder schriftlich gemacht, in der anderen ist es ein Schritt mit rechtlichen Konsequenzen. Doch das eine bleibt: Man tritt öffentlich ein.

Einfach überirdisch – entdecke was in Deiner Gemeinde steckt

In der Bibel finden sich für die Gemeinde Bilder wie der Tempel, die Familie, die Herde oder der Baum. Aber was bedeuten diese Vergleiche eigentlich? Bild für Bild stellt der Autor dem Leser plastisch vor Augen, was Kirche ist. Und was sie sein kann!

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Nach meinem Schriftverständnis fordert uns Jesus nicht nur dazu auf, zu ihm ein Ja zu fi nden, sondern darüber hinaus auch ein Ja für die geistlichen Geschwister in einer lokalen Gemeindefamilie. Sich für Christus zu entscheiden bedeutet, sich auch für eine geistliche Familie zu entscheiden! Übrigens: Ohne Gemeinde können wir ca. 60 Gebote des Neuen Testamentes gar nicht befolgen, in denen es darum geht, einander etwas zu tun – einander zu dienen, einander zu ermahnen, einander zu trösten … Glaubensgehorsam zu Christus bedingt also Gemeinde und ist nur in ihrem Rahmen umsetzbar. Gott möchte, dass wir uns als Christen einer Kirchengemeinde anschließen – sprich: ein verbindliches Christsein leben – und unsere neuen geistlichen Geschwister lieben.

Ich bin nicht mehr lange bei euch, meine Kinder. Ihr werdet mich suchen; aber ich muss euch jetzt dasselbe sagen, was ich früher schon den anderen gesagt habe: Wo ich hingehe, dorthin könnt ihr nicht kommen. Ich gebe euch jetzt ein neues Gebot: Ihr sollt einander lieben! Genauso wie ich euch geliebt habe, sollt ihr einander lieben! An eurer Liebe zueinander werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid (Johannes 13,33-35; Hervorhebung durch den Autor).

Kindsein bedeutet Abenteuer erleben

Der Auftrag, seine neuen geistlichen Geschwister zu lieben, so wie Christus uns geliebt hat, ist keine Option, sondern ein Gebot Jesu. Er verordnet dies sicherlich nicht aus Willkür, sondern aus Fürsorge, denn wir Menschen brauchen die Ergänzung durch den Austausch und die Gemeinschaft mit unseren geistlichen Geschwistern. Nur in einer Familie können wir uns gesund entwickeln!

Der Apostel Johannes deutet einen Streit in der neuen geistlichen Familie als eine Art teufl ische Ursünde, die wir als Christen weit hinter uns lassen sollten:

Die Botschaft, die ihr von Anfang an gehört habt, lautet: Wir sollen einander lieben! Wir sollen nicht sein wie Kain, der vom Teufel stammte und seinen Bruder ermordete. […] Wir wissen, dass wir den Tod hinter uns gelassen und das unvergängliche Leben erreicht haben. Wir erkennen es daran, dass wir unsere Glaubensgeschwister lieben. Wer dagegen nicht liebt, bleibt im Tod. Wer seinen Bruder oder seine Schwester hasst, ist ein Mörder, und ihr wisst, dass in keinem Mörder ewiges Leben sein und bleiben kann (1. Johannes 3,1-15).

Jemand sagte einmal, dass man sich zwar seine Freunde, aber eben nicht seine Geschwister aussuchen kann – das stimmt und macht die ganze Sache damit umso schwieriger. Doch ich habe eine gute Nachricht für dich: Nicht jeder deiner geistlichen Geschwister muss dein Freund sein! Aber du darfst jeden von ihnen von Herzen lieben! Das scheint sich auf den ersten Blick ein wenig zu widersprechen, aber der Liebesanspruch Jesu geht viel weiter und kann im Zweifel viel mehr kosten als eine gute Freundschaft. Der Auftrag, selbst unsere Feinde zu lieben, macht es uns sehr deutlich, dass das Liebesgebot nichts mit gegenseitiger Sympathie oder gegenseitigem Vertrauen zu tun haben kann! Seinen Feind, Nächsten oder Bruder und Schwester zu lieben setzt erst einmal eine Willensentscheidung voraus. Dabei ist man nicht darauf angewiesen, dass diese Liebe – wie z.B. in einer Freundschaft – erwidert wird! Es ist eine göttliche Liebe. Es ist dieselbe Liebe, die uns zuerst geliebt hat, selbst als wir noch Feinde Gottes waren (vgl. 1. Johannes 4,19).

Hast du diese Liebe Jesu für dich wirklich verstanden und erlebt? Sie war bereit, alles aufzugeben, ging in die Niedrigkeit dieser Welt, ertrug Spott, Schläge, Lästerungen, Ablehnungen, Spucke, Verrat, Entweihungen und den Tod. Nichts Geringeres als die Liebe Jesu ist der Maßstab unserer gegenseitigen Liebe. Sie ist also eine göttliche Liebe, zu der wir im Grunde nur fähig sind, weil Jesus sie uns vorgelebt hat und das Potenzial dieser Liebesfähigkeit durch den Heiligen Geist in unser Herz gegossen wurde bzw. geschüttet hat, wie es an dieser Stelle im Grundtext heißt (vgl. Römer 5,5).

Die Liebe Gottes ist uns also nicht homöopathisch, tröpfchenweise verabreicht worden, sondern großzügig geschenkt und möchte von uns zu unseren geistlichen Geschwistern fl ießen. Sie soll kein tatenloses Lippenbekenntnis sein, nichts, von dem wir einfach nur singen und reden, sondern praktische Auswirkungen in unserem Kirchengemeindealltag haben.

Angenommen, jemand hat alles, was er in der Welt braucht. Nun sieht er seinen Bruder oder seine Schwester Not leiden, verschließt aber sein Herz vor ihnen. Wie kann da die Liebe Gottes in ihm bleiben und er in ihr? Meine Kinder, unsere Liebe darf nicht nur aus schönen Worten bestehen. Sie muss sich in Taten zeigen, die der Wahrheit entsprechen: der Liebe, die Gott uns erwiesen hat (1. Johannes 3,17-18).

Noch einmal: Wir sollen einander die gleiche Liebe geben, die Jesus uns geschenkt hat. Wie weit sind wir in unseren Kirchengemeinden davon entfernt? Was würde passieren, wenn wir Jesus wirklich als Vorbild nähmen? Was hindert uns eigentlich daran, einander in Wort und Tat zu lieben? Was hindert dich, deinen Nächsten wirklich zu segnen, nicht nur durch ein gut gemeintes Schulterklopfen, sondern durch konkrete Hilfe und Unterstützung? Gibt es Menschen, für die du dich nur theoretisch in Form eines Gebets, durch Gesten oder Ratschläge einsetzt, aber bei denen du dich geschickt um praktische Hilfe drückst? Die Frage ist entlarvend und bloßstellend, aber so nötig und biblisch: Wie kann da die Liebe Gottes in uns bleiben und wir in ihr?

Wir haben gesehen, dass der erste Blick in der göttlichen Familie zum Vater geht, der zweite – mit derselben Verbindlichkeit, Treue und Liebe – zu den geistlichen Geschwistern. Aber über diese beiden Blickrichtungen hinaus gibt es noch eine dritte: nach außen, zu den Menschen, die noch nicht zur Familie Gottes gehören. Ich kenne Familien, die sich im Grunde nur mit sich selber beschäftigen und im Grunde fast keine weiteren sozialen Kontakte pfl egen. Diese Abkapslung scheint auf den ersten Blick sehr löblich, denn meist wirken jene Eltern besonders fürsorglich und engagiert ihren Kindern gegenüber. Doch dies entspricht meist nicht der ganzen Wahrheit. Im Grunde tun mir diese Familien sehr leid. Denn in Wahrheit steckt hier oft eine Flucht vor der Realität dahinter, Verletzungen im Bekanntenkreis, der Arbeitswelt oder aus der eigenen Kindheit. In Familien, die sich nur um sich selber drehen, ziehen die Eltern oft ihr ganzes Selbstwertgefühl aus den Leistungen der Kinder.

Wenn du in einer solchen Familie zu Gast bist, bekommst du in der Regel sehr viele Fotoalben zu sehen (ob du es willst oder nicht), und alles dreht sich in den Gesprächen nur um das Talent, die Leistungen und Fähigkeiten der engagierten Kinder und dem eigenen damit verbundenen Stress. Jene Kinder empfi nden die Liebe oft als Druck, haben ein sehr starkes Abhängigkeitsverhältnis zu den Eltern und können sich erst sehr spät als längst Erwachsene von ihnen lösen. Wenn sich die Kinder verabreden wollen, dann müssen sie das in der Regel zu Hause tun, denn ein Treffen außerhalb des Einfl ussbereichs der im Grunde ängstlichen Eltern ist meist undenkbar.

So mag es vielleicht in manchen Familien zugehen, doch die Familie Gottes dreht sich nicht ausschließlich um sich selbst, sie hat immer offene Türen! Man trifft sich nicht nur in den eigenen vier Wänden, sondern ist bereit, sich überall zu begegnen. Wie ist es bei dir? Selbstverständlich ist es gut, wenn wir Gutes über unsere Kirchengemeinde zu berichten wissen, aber kannst du mit fremden Menschen auch über andere Dinge reden als über deine Gemeinde? Pfl egst du soziale Kontakte über den Tellerrand deiner geistlichen Familie hinaus? Lebst du mitten unter verirrten und verdorbenen Menschen oder wohnst du nur dort?

Gott, der Vater, möchte, dass alle Menschen Jesus als ihren Herrn bekennen! Als Kinder Gottes ist es daher immer auch unsere Aufgabe, von Jesus, unserem großen Bruder, zu erzählen und alle Menschen zu dieser neuen Familie einzuladen. Wir sollen dies durch unser Wort und durch unsere Taten tun. Sich als Gottes vorbildliche Söhne und Töchter zu erweisen, ist sicherlich nicht immer einfach, doch wenn wir am Evangelium festhalten, ist es nicht unmöglich. Vor allen Dingen aber müssen wir als Kinder Gottes auf unsere Herzen aufpassen; wir dürfen nicht den Fehler machen, »die da draußen« zu vergessen oder gar zu hassen. Wir sollen sie lieben, das ist unsere Mission. Vater Vaillant, eine Romanfi gur von Willa Cathers, sagt: »Ich muss gestehen, dass ich auf diese Mission brenne. Ich möchte der Mann sein, der Gott seine verlorenen Kinder wiedergibt. Es wird das größte Glück meines Lebens sein.«[1]

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Im Gleichnis vom verlorenen Sohn verstand der zu Hause gebliebene Sohn die Welt nicht mehr, als dessen verschollener Bruder so herzlich vom Vater empfangen wurde. Ich frage mich hier immer, wie das eigentlich sein kann! Hatte denn der ältere Sohn nicht gemerkt, dass der Vater seinen Bruder vermisste? Hatte er nicht mitbekommen, wie sein Vater jeden Tag nach ihm Ausschau hielt?

Hatte er die Tränen nicht gesehen, wenn der Name des Verlorenen fi el? Scheinbar nicht! Er war so mit familieninternen Dingen beschäftigt, dass er den Blick nach außen völlig verloren hatte. Als sein Bruder endlich wieder nach Hause kam, konnte er diesen nicht einmal mehr als seinen Bruder annehmen, und so sprach er voller Bitterkeit:

»Aber der da, dein Sohn, hat dein Geld mit Huren durchgebracht; und jetzt kommt er nach Hause, da schlachtest du gleich das Mastkalb für ihn.« »Mein Sohn«, sagte der Vater, »du bist immer bei mir, und dir gehört alles, was ich habe. Aber jetzt mussten wir doch feiern und uns freuen! Denn dein Bruder war tot und ist wieder am Leben. Er war verloren und ist wiedergefunden« (Lukas 15,28-32; Hervorhebung durch den Autor).

Der Vater musste in diesem Gleichnis seinem treuen Sohn liebevoll den Kopf bzw. das Herz waschen und ihn daran erinnern, dass sein Sohn auch dessen Bruder war. Sieht es in der Kirche heute vielleicht ähnlich aus? Sind wir auch so sehr mit internen Problemen, Aufgaben und wichtigen Herausforderungen beschäftigt, dass wir gar nicht mehr bemerken, dass der Vater jeden Tag nach seinen verlorenen Kindern Ausschau hält? Möge uns Gott vor dieser Blindheit bewahren. Es geht nicht darum, dass wir Sünde verharmlosen – das sollen wir defi nitiv nicht! Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Gott zwar die Sünde hasst, aber den Sünder selbst von Herzen liebt.

Wie denkst du über »Sünder« in deinem Bekanntenkreis? Wie sprichst du über sie? Liebst du sie, wie Jesus sie liebt? Was hat das für dich für Konsequenzen? Macht dir die Welt da draußen Angst? Wenn ja, warum eigentlich, und wenn nein, was hindert dich daran, verlorene Kinder Gottes zu suchen?

Du kannst ein Kind sein, das für seinen Vater nach verlorenen Söhnen und Töchtern Ausschau hält, und sie zu deinem Papa bringen. Du kannst viele Toms aus den unzähligen, dunklen, hoffnungslosen Räuberhöhlen dieser Welt tragen, sie in die Familie einladen, ihnen alternative Umgangsformen vorleben, vom Vater erzählen und ihnen helfen, sich in dieser neuen Welt zurechtzufi nden. Lass dich dabei nicht vom Schein trügen: Eine Räuberhöhle bleibt eine Räuberhöhle, selbst wenn ihre Wände mit weißer Farbe gestrichen sind, sie regelmäßig gekehrt wird und lichtdurchfl utet wirkt. Die Familie Gottes hat immer mehr zu bieten und ist jeder Räuberhöhle in ihren Umgangsformen, der Atmosphäre und gegenseitiger Annahme überlegen – jedenfalls sollte das so sein! Du darfst diese Dinge in deiner Gemeindefamilie möglich machen, verteidigen und ausbauen. Gott, der Vater, wird dich, sein geliebtes Kind, dabei unterstützen.


[1] Cather, Der Tod bittet den Erzbischof, S. 321.

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